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Balen Shah und Kulman Ghising treten Rabi Lamichhanes Partei bei

Auswärtige Beobachter/-innen sind oft ratlos – auch jetzt wieder, viereinhalb Monate nach den Protesten der Gen Z, die Nepal fast in den Abgrund stürzten und knapp drei Monate vor der Wahl, die endlich den großen Umschwung bringen soll. Bisher formierten sich keine neuen Kräfte, doch nun kommt Bewegung in die Sache und das Ergebnis überrascht: wenigstens die Beobachter/-innen, die bis heute beim Geschacher der Parteien nicht durchblicken. Denn Balen Shah, Bürgermeister Kathmandus und Kulman Ghising, Chef der nationalen Elektrizitätswerke, beide populär wie sonst keine Figuren des öffentlichen Lebens, hätten wohl auch allein Aussicht auf Erfolg. Sie wagen es nicht. Stattdessen treten sie der Partei des völlig diskreditierten früheren Innenministers Rabi Lamichhane bei. Der tiefere Sinn dieses Manövers muss sich dem externen Beobachter erst noch erschließen.

Balen Shah ist zwar ein paar Jahre zu alt, um „richtig“ zur Gen Z zu gehören, doch entspricht sein Stil dieser eindeutig. Bekannt wurde er als Rapper und 2022, im Alter von gerade mal 32 Jahren und ohne Mitglied einer Partei zu sein, Bürgermeister von Kathmandu. Das zeigt die Enttäuschung, die die Bewohner/-innen der Hauptstadt für seine Amtsvorgänger empfinden. Sein Motto ist simpel: law&order. Zu spüren bekamen das vor allem Straßenhändler/-innen und Bewohner/-innen illegaler Siedlungen (squatters). Hemdsärmelig wurde durchgegriffen, nicht immer mit Erfolg. Jedoch wirkte die Stadt aufgeräumter, auf den Gehwegen gibt es endlich Platz für Fußgänger/-innen. Gegen das Verkehrschaos und vor allem die Luftverschmutzung ist er allein machtlos. Zusätzlich kämpft er auf Landes-, Provinz- und Distriktebene mit der Bürokratie, die von den etablierten Parteien beherrscht wird. Die für Rapper typische Maskierung (in seinem Fall eine altmodische Sonnenbrille) hat er abgelegt. Seine Anhänger/-innen honorieren besonders seine guten Absichten – er will, aber er kann nicht. Lang war erwartet worden, dass er seinen Hut in den Ring wirft, nun ist es soweit.

Kulman Ghising (geb. 1970) gehört nicht zur Gen Z und hatte lange keine politischen Ambitionen. Trotzdem ist er der populärste öffentliche Repräsentant und hat als einer von ganz wenigen nicht nur versprochen, sondern auch geliefert. Berühmt wurde er 2016 – sogar über Nepal hinaus – auf dem wenig glamourösen Posten des Vorstands der Nepal Vidhyut Pradhikaran (NEA, Nepal Electricity Authority), dem nationalen Stromversorger. Trotz des weltweit zweithöchsten Wasserkraftpotentials war Nepal von Stromausfällen bis zu täglich 18 Stunden geplagt gewesen. Ghising musste „nur“ einige Manager feuern (was viel schwieriger war, als es sich anhört), die die gesamte Wirtschaft ihren Privatgeschäften opferten. Nun aber gingen die Lampen an und nicht mehr aus. Soviel Rechtschaffenheit, Popularität und Erfolg rief automatisch eine Abwehrreaktion hervor. Ghising vermieste mächtigen Leuten ihre Geschäfte. Zuerst verdarb er es sich mit K.P. Sharma Oli und musste im September 2020 seinen Hut nehmen. Ein Jahr später war er auf seiner Position zurück, nur um im März 2025 erneut gefeuert zu werden, dieses Mal von Maoisten-Premier Dahal. In der jetzigen Übergangsregierung ist er Minister für Energie und Wasserinfrastruktur. Mit anderen NEA Bürokrat(inn)en gründete er vor wenigen Wochen eine eigene Partei, die nun in der Nationalen Partei der Unabhängigkeit RSP (Rastriya Swatantra Party) aufgeht.

Auf den ersten Blick zumindest steht das Ansehen von Rabi Lamichhane, dem Dritten im Bunde, im krassen Widerspruch zu Shah und Ghising. Lamichhane, Jahrgang 1975, lebte in den USA und war (laut nepalesischem Recht illegal) dort Staatsbürger. Er kehrte zurück, machte Karriere als Talkshow-Moderator im Privat-TV und nutzte seine Bekanntheit zum Start einer politischen Karriere. Er gründete 2022 die Rashtriya Swatantra Party, die bei den anschließenden Wahlen fürs nationale Parlament gleich viertstärkste Kraft wurde. Lamichhane wurde prompt Vizepremier und Innenminister, doch dann folgte das Chaos. Wegen Problemen mit der Staatsbürgerschaft musste er zurücktreten, wurde wieder gewählt und erneut Minister. Verstrickt in einen großen Korruptionsskandal, wurde er erst neulich auf Kaution aus der Haft entlassen. Er steht weiter unter Anklage. Es ist kaum vorstellbar, wie er bei den Wählern auf Sympathie stoßen soll. Womöglich wollen Shah und Ghising das Netzwerk der RSP nutzen. Das könnte sich allerdings auch als Täuschung herausstellen. Verständlich ist diese Taktik wie erwähnt zuerst einmal nicht.

M.S.

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