Am 12. Februar können bis zu 127 Millionen Wahlberechtigte in Bangladesch über die zukünftige Regierung entscheiden. Es sind die ersten nationalen Wahlen seit dem Sturz der langjährigen Machthaberin Sheikh Hasina im August 2024. Die letzten als glaubwürdig erachteten Wahlen fanden nach Meinung unabhängiger Beobachter/-innen, so die International Crisis Group, im Dezember 2008 statt. Während der 15-jährigen Amtszeit von Sheikh Hasina hatte die Opposition zwei Wahlen boykottiert, 2014 und 2024, die Wahl 2018 wurde als manipuliert angesehen. Der Übergangsregierung ist es gelungen, einen politischen Konsens (mit Ausnahme der Awami-Liga) zu erzielen und Wahlen zu organisieren. Einige kritische Stimmen im Land unterstellen allerdings der Übergangsregierung, eine Vendetta gegen die als ‚links‘ geltende Awami-Liga zu führen und gleichzeitig gegenüber rechtsextremen islamistischen Gruppen zu nachgiebig zu sein.
Der Wahlkampf findet ohne die Awami-Liga, statt, historisch einer der beiden größten politischen Kräfte Bangladeschs. Im Mai 2025 verbot die Übergangsregierung die Partei wegen ihrer Rolle bei den Gewalttaten gegen Demonstrant(inn)en im Juli und August 2024. Das internationale Straftribunal (ICT) bestätigte im November 2025 das Verbot und verurteilte Hasina in Abwesenheit wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode. Die beunruhigende Folge jedoch: Millionen Anhänger/-innen der Awami-Liga können faktisch ihr Wahlrecht nicht ausüben.
Dessen unbeschadet stehen sich zwei andere große politische Blöcke gegenüber: die Bangladesh Nationalist Party (BNP) und der Jamaat-e-Islami. Die BNP ist historisch der Hauptkonkurrent der Awami League und war zuletzt von 2001 bis 2006 an der Macht. Allerdings hat ihr Ruf gelitten, ihren Mitgliedern werden Erpressung und andere kriminelle Machenschaften unterstellt, vergleichbar der Awami-Liga. Die aktuelle Parteiführung hat versucht, diesem Eindruck entgegenzuwirken, indem sie Tausende von Mitgliedern wegen Verstößen gegen die Disziplin ausgeschlossen hat. Außerdem kehrte am 25. Dezember 2025 der formal amtierende Parteivorsitzende Tarique Rahman nach 17 Jahren Exil aus Großbritannien nach Bangladesch zurück. Seine erste Rede zog viele Menschen an und verdrängte die negative Berichterstattung aus den Schlagzeilen. Nur fünf Tage später starb seine Mutter, die zweimalige Premierministerin Khaleda Zia, nach jahrelanger Krankheit. Viele parteiungebundene Bürger/-innen nahmen an den Beerdigungszeremonien teil und erwiesen einer der prominentesten politischen Persönlichkeiten des Landes seit der Unabhängigkeit die letzte Ehre.
Jamaat-e-Islami ist bei dieser Wahl der Hauptkonkurrent. Die Partei ist unter Hasina stark verfolgt worden, gilt aber als Gewinner der Protestbewegung von 2024, in der ihr Student(inn)enflügel eine wichtige Rolle spielte. Die Social-Media-Kampagne der Partei ist unübertroffen. Jamaat spricht gerade auch die jungen Wähler/-innen trotz und nicht wegen ihrer Ideologie an, die eine moderate, synkretistische Form des Islam praktizieren und die umstrittenen Rolle der Jamaat-e-Islami während der Unabhängigkeitsbewegung 1971 als weniger wichtig erachten – Jamaat-e-Islami hatte sich auf die Seite der pakistanischen Besatzungstruppen gestellt und an Massakern gegen Zivilist(inn)en beteiligt. Mit ihrem Fokus auf Sozialfürsorge und ihrem Ruf für Disziplin scheint Jamaat den richtigen Ton zu treffen. Ende 2025 gewann der Student(inn)enflügel der Partei die Wahlen an mehreren Universitäten, darunter auch an der normalerweise linksgerichteten Universität von Dhaka – eine zuvor unvorstellbare Perspektive.
Jamaat-e-Islami wurde in den letzten Wochen durch ein Wahlbündnis mit der National Citizen Party (NCP) gestärkt, einer Partei, die 2025 von Student(inn)en gegründet wurde, die an der Spitze der Bewegung zur Absetzung von Hasina standen. Die NCP hatte gehofft, selbst zu einer eigenständigen politischen Kraft zu werden, konnte jedoch ihre Mitglieder nicht hinter einer klaren Idee vereinen. Die Zusammenarbeit mit den Islamisten hat innerhalb der NCP zu Kontroversen geführt, Dutzende prominenter Parteimitglieder sind aus Protest ausgetreten. Die NPC riskiert, eher als Ableger der Jamaat und weniger als eigenständige Größe wahrgenommen zu werden.
Eine Vorhersage zum Ausgang der Wahl ist schwierig, da insbesondere nicht abzusehen ist, wie die vormaligen Unterstützer/-innen der Awami-Liga abstimmen, ob überhaupt. Früher machten sie fast 50 Prozent aller Stimmen aus. Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass die BNP knapp vor der Jamaat-e-Islami führt. Sicher ist, dass der Jamaat sein bisher bestes Ergebnis aus dem Jahr 1991 deutlich übertreffen wird, als die Partei auf zwölf Prozent der Stimmen kam und 18 Sitze errang.
SÜDASIEN wird weiter über die Wahl berichten.
Theodor Rathgeber






