Skip to content Skip to footer

Eskalation der Gewalt in Balutschistan

In Pakistans südwestlicher Provinz Belutschistan hat sich der seit Jahrzehnten schwelende Aufstand Ende Januar 2026 erneut in brutaler Weise entladen. Bei koordinierten Angriffen separatistischer Militanter in mehreren Distrikten – darunter die Provinzhauptstadt Quetta und der strategisch bedeutsame Hafen Gwadar – kamen nach offiziellen Angaben mindestens 17 Angehörige der Sicherheitskräfte sowie 31 Zivilisten ums Leben. Die Angriffe, die sich über mehrere Stunden erstreckten, richteten sich gezielt gegen Polizeistationen, paramilitärische Posten und zivile Infrastruktur und legten zeitweise Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen lahm.

Die Reaktion des Staates folgte unmittelbar. Zwischen dem 26. und 27. Januar 2026 führten pakistanische Streitkräfte über rund 40 Stunden hinweg großangelegte Gegenoperationen durch. Der Provinzministerpräsident erklärte anschließend, dabei seien mindestens 145 Militante getötet worden. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Angaben in der abgeschotteten Provinz nur eingeschränkt, doch selbst vorsichtige Einschätzungen sprechen von einer der intensivsten militärischen Konfrontationen in Belutschistan seit mehreren Jahren.

Der aktuelle Gewaltausbruch folgt einem altgewohnten Muster. Belutschistan ist seit der Eingliederung des Fürstenstaates Kalat in Pakistan im März 1948 wiederholt Schauplatz bewaffneter Aufstände. In den frühen 2000er Jahren wurde die Armeepräsenz massiv verstärkt, was wiederum zur Formierung von mehr bewaffnetem Widerstand führte. Insbesondere nach der Tötung des belutschischen Stammesführers Akbar Bugti im August 2006 hat sich der Konflikt erneut verschärft. Stammesführer spielen eine große Rolle in der Gesellschaft in Balutschistan und können ihre Anhänger mobilisieren. Zugleich geht es aber auch um die Marginalisierung von Balutschistan in Pakistan überhaupt. Balutschis fühlen sich sozial, wirtschaftlich, kulturell und sprachlich diskriminiert in einem Staatswesen, das stark von Panjabis dominiert wird.

Zentrale Akteure des Aufstands sind Gruppen wie die Baloch Liberation Army (BLA), die 2019 von den USA und zuvor bereits von Pakistan als Terrororganisation eingestuft wurde. Ihr Ziel reicht von weitgehender Autonomie bis zur vollständigen Unabhängigkeit von Islamabad. Der Konflikt entzündet sich immer wieder an der Frage der Ressourcenkontrolle: Obwohl Belutschistan über bedeutende Erdgasvorkommen verfügt – die bereits seit den 1950er-Jahren ausgebeutet werden – profitiert die lokale Bevölkerung nach eigener Darstellung kaum davon.

Neue Brisanz erhielt der Aufstand mit dem Start des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors (CPEC) ab 2015. Der Ausbau des Tiefseehafens Gwadar gilt als Schlüsselprojekt chinesischer Investitionen, wurde jedoch seit 2018 mehrfach Ziel militanter Angriffe. Separatistische Gruppen sehen in den Projekten ein Symbol externer Ausbeutung und befürchten eine dauerhafte Marginalisierung der belutschischen Bevölkerung.

Die pakistanische Regierung machte auch nach den jüngsten Angriffen erneut „ausländisch unterstützte Militante“ für die Eskalation verantwortlich und verwies auf eine angebliche Rolle Indiens – ein Vorwurf, den Neu-Delhi seit Jahren, zuletzt erneut Ende Januar 2026, entschieden zurückwies. Beobachter verweisen darauf, dass solche Schuldzuweisungen Teil der langjährigen indisch-pakistanischen Rivalität sind und die inneren Ursachen des Konflikts überdecken.

Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit mehr als einem Jahrzehnt Vorwürfe des Verschwindenlassens, außergerichtlicher Tötungen und massiver Einschränkungen der Pressefreiheit in Belutschistan. Analysten warnen daher, dass auch die jüngste Eskalation vom Januar 2026 kaum eine Wende markieren dürfte: Ohne glaubwürdige politische Reformen, eine gerechtere Ressourcenverteilung und einen ernsthaften Dialog droht der Konflikt weiterhin in regelmäßigen Abständen gewaltsam aufzubrechen.

Heinz Werner Wessler

Cookie Consent mit Real Cookie Banner
0
WARENKORB
  • No products in the cart.