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Tabu Geburtenlimit – der Elefant im Schlafzimmer

Für sich als Individuum ist es nicht unbedingt die wichtigste Entscheidung, als soziales Wesen, Teil eines großen Ganzen, kommt sie beim Menschen jedoch vor allen anderen: Kinder, ja oder nein. Sie ist wichtiger als Arbeit und der daraus resultierende Verdienst, der Rang innerhalb des sozialen Gefüges, wichtiger als politische und religiöse Überzeugungen, ob man sich solidarisch verhält oder nicht. Diese Entscheidung formt die Gesellschaft stärker als jede andere. Das bemerken mittlerweile auch die Entscheidungsträger in Deutschland, wo Kinder, Familien und Bevölkerung über Jahrzehnte auf der Prioritätenliste unter „ferner liefen“ auftauchten (für manchen war das sogar nur „Gedöns“). Nun dämmert es den Lenker(inne)n, dass die Altersstruktur der Bevölkerung wichtiger ist als Arbeitsmarkt- Bündnis-, Wirtschafts- oder sonst welche Politik. Allerdings gibt es kaum so etwas wie eine ideale Struktur und sie kann auch nicht geschaffen werden. Jede Geburtenrate – die entscheidende Zahl – hat Vor-und Nachteile. Ideal wäre eine statische Gesellschaft, die sich nicht weiterentwickelt. Doch kann und wird es diese sehr wahrscheinlich nie geben, eine Form von Dynamik existiert immer. Fast alle Länder Europas, auch Deutschland, weisen schrumpfende Zahlen auf. Eine alternde Bevölkerung bedeutet erhebliche Belastungen. Noch krasser ist der Rückgang in Ostasien, allen voran in Südkorea, gefolgt von Japan und China, das nun eine 180-Grad-Wende in der Geburtenpolitik vollführt. Es gilt, was viele überrascht, selbst in Südasien, dem sozial konservativsten Teil des Kontinents. Demnächst werden die Zahlen in Bangladesch, Nepal und sogar Indien stagnieren oder schrumpfen. Man könnte meinen, der Fall Pakistan läge besser, weil  die Geburtenrate nach wie vor nicht nur hoch, sondern sehr hoch liegt. Dem ist jedoch nicht so. Eine junge Bevölkerung kann ihre Vorteile nur zur Geltung bringen, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommt. Das ist jedoch in Pakistan nicht zu sehen, mit absehbar verheerenden Folgen.

Die Zahlen dort sind nicht nur relativ, sondern absolut ziemlich hoch. Zurzeit besitzt Pakistan die weltweit fünftgrößte Bevölkerung und es könnte sich noch auf Platz vier oder sogar drei „vorarbeiten“. Als das Land 1947 unabhängig wurde, lebten im westlichen Teil, dem heutigen Pakistan, rund 35 Millionen Menschen. Laut dem letzten Zensus 2023 sind es nun 241 Millionen. Die Prognose für 2050 lautet über 350 Millionen, für 2100 über 450 Millionen – eine gewaltige Anzahl. Ein solches Bevölkerungswachstum könnte das Potential haben, Pakistan auf eine höhere Entwicklungsstufe zu befördern – betrachtet man den Aufstieg vieler Nationen mit einer wachsenden Bevölkerung in der Vergangenheit. Allerdings ist der Staat nicht ansatzweise in der Lage, diesem Nachwuchs eine geeignete Schulbildung zu bieten. Und aus vielerlei Gründen befindet sich die Wirtschaft anscheinend auf ewig im Dauerkrisenmodus und auf Jahrzehnte hinaus nicht fähig, die neuen Arbeitskräfte aufzunehmen. So bleibt für einen Teil des Nachwuchs nur ungelernte und niedrig bezahlte Arbeit vor allem in der Golfregion. An Indien, das neben Arbeitshelfer(inne)n schon längere Zeit auch hochgebildete Kräfte nach den USA und nach Europa exportiert, die dort zu den am besten verdienenden Berufsgruppen gehören, kommt Pakistan nicht im Geringsten heran. Resultat ist in Pakistan ein massives Überangebot ungelernter Arbeitskraft, die chronisch keine Beschäftigung findet. Das Potential liegt damit brach.

Warum also nicht die Geburten beschränken, wenn die Menschen so offensichtlich nicht gebraucht werden? Das ist eine noch größere Herkulesaufgabe, als die Wirtschaft auf ein nachhaltiges Niveau zu bringen. Eingriffe in die Privatsphäre, wie sie in China geschahen, sind völlig undenkbar. Pakistan gehört mit zu den konservativsten Ländern weltweit, in den patriarchalischen Stammesgesellschaften gilt eine große Kinderschar über alles. Von einem auch sonst unzulänglichen und überforderten Staat verbittet man sich kategorisch Ratschläge zum Thema Familienplanung. Und der von staatlicher Seite aus politischen Gründen verbreitete Islamismus leistet seinen eigenen Beitrag zu dieser Art Widerstand der Bevölkerung. Man wird im ganzen Land keinen Mullah finden, der etwa die Vorzüge der Geburtenkontrolle in der Türkei, Malaysia und anderen muslimischen Staaten hervorheben würde. Die existenzielle Bedrohung für Pakistan liegt nicht (allein) an Indien oder anderen „Gottlosen“. Sie kommt direkt aus den Betten. Denn schon heute können die elementarsten Grundbedürfnisse kaum befriedigt werden.

M.S.

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