Am 6. Februar tötet ein Selbstmordattentäter mindestens 32 Menschen in Tarlai Kalan südöstlich von Islamabad. Ziel war eine Moschee der Shia. Der Täter wählte den Freitag, wenn traditionell die meisten Gläubigen anwesend sind, um der wöchentlichen Predigt des Imam zu folgen. Die Moscheen der Shia werden seit Langem an Freitagen und an hohen Feiertagen von staatlichen Sicherheitskräften oder auch privaten Diensten stark bewacht. In Tarlai Kalan wurden sie aber mit einer Schusswaffe überwältigt. Der Attentäter drang mit seinem Sprenggürtel in die Gebetshalle ein und jagte sich inmitten von Betenden in die Luft. Es gab mindestens 170 Verletzte, der Attentäter kam ums Leben. Soweit sind keine weiteren Täter bekannt, die unmittelbar beteiligt waren.
Anschläge dieser Art waren im Konflikt zwischen den Konfessionen, der ab den 1990er Jahren oft gewalttätige Züge angenommen hatte, alltäglich. Jedoch sind sie seit einigen Jahren deutlich seltener geworden und auf eine Art scheint diese Attacke etwas aus der Zeit gefallen. Pakistan erlebt zwar ein neues Terror-Comeback, was praktisch ausschließlich mit den Aufständen in Balochistan und Khyber-Pakhtunkhwa (KPK) zu tun hat. Abgesehen von den Sunni-Shia Spannungen in Kurram, die eher einen ethnischen (tribalen) Hintergrund haben, war der letzte Anschlag dieser Kategorie im März 2022 in Peshawar. Vier Jahre sind eine vergleichsweise lange Zeit, es gab Perioden, da geschahen solche Angriffe im Wochentakt.
Zum Anschlag jetzt bekannt hat sich eine neue und recht unbekannte Gruppe, die, abgesehen von einem Anschlag auf Sicherheitskräfte in letzten Jahr, noch nicht weiter in Erscheinung getreten ist: der Islamische Staat – Pakistan (IS-P). In wie weit diese Fraktion etwas mit seiner angeblichen Mutterorganisation ISIS-K (auch Daesh genannt) zu tun hat, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass die Taliban, zumindest jene in Afghanistan, seit ihrer Machtübernahme 2021 in ihren alten Weggefährten vom ISIS-K einen Feind sehen und diesen bekämpfen.
Vermutlich hat auch das in Wahrheit keinen religiösen Grund, sondern muss wie alles in dieser Region durch das Prisma der Stammespolitik gesehen werden. Vermutlich wird auch dieser Anschlag ungeklärt bleiben, wie Tausende vorher, in Pakistan und Afghanistan. Pakistans Verteidigungsminister Khwaja Asif ließ verlauten, der Täter sei aus Afghanistan eingereist – was unwahrscheinlich ist. Jedenfalls hat die Zahl der Attacken auf Shia in Afghanistan seit Machtübernahme der dortigen Taliban deutlich abgenommen und die Hazara, ein gänzlich schiitisches Volk aus dem Zentrum des Landes, wird nicht stärker verfolgt und diskriminiert wie zu anderen Zeiten.
Demgegenüber kann Pakistan auf eine lange Abfolge von Anschlägen gegen Shia zurückblicken. Man darf nicht vergessen: Die Frage ob Sunni oder Shia spaltet die islamische Welt stärker als die Frage nach dem Umgang mit Nichtmuslimen. Allerdings hängt die Bedeutung des Konflikts davon ab, wie die Konfessionen jeweils verteilt sind. In einem Land mit geringem Anteil von Shia, der Großteil der islamisch begründeten Länder, spielt der polarisierte Konflikt weniger eine Rolle. In Pakistan allerdings ist die zweitgrößte Shia-Bevölkerung weltweit beheimatet. Anders als in Iran, Irak und Aserbaidschan sind sie hier aber nicht in der Mehrheit. Lange wurde offiziell ihre Anzahl mit 15 Prozent der Bevölkerung angegeben. Es gibt Grund zur Annahme, dass die Anzahl deutlich höher liegt. Der letzte Zensus von 2023 geht neuerdings von 15-20 Prozent Anteil aus, immer noch unterhalb der Realität. Es mag übertrieben klingen, die wahre Anzahl ein Staatsgeheimnis zu nennen. Doch sicherlich liegt es im Interesse des vom Militär dominierten Hybride Systems, Pakistan als orthodoxen Sunni-Staat zu projizieren, in dem Shia nicht mehr sind als eine geduldete Minderheit.
Das war zu Beginn ganz anders. Mohammad Ali Jinnah war Ismaeli (die Anhänger des Agha Khan), eine Abspaltung innerhalb der Shia. Jinnah war bekannt dafür, in allen nur Muslime zu kennen. Ihm waren sektiererische Haarspalterei ein Graus. Innerhalb der Armee war um diese Zeit Religion bedeutungslos. Das alles änderte sich mit dem Machtantritt von General Zia-ul Haq 1977. Enttäuscht von den – in seinen Augen – Verirrungen des indischen Islams führte er die Konfession der Saudis ein, den Wahhabismus. Diese war traditionell mit dem Shiismus verfeindet, schon allein, weil Shia aus Iran und besonders aus dem Irak eine Gefahr für ihre Macht auf der Arabischen Halbinsel darstellten. Mit dem Antritt Zias begann die Ära der Tanzeem, der religiösen Gruppen, die mit Waffengewalt ihre Sicht des Islams durchsetzen wollten. Ob der Anschlag von Tarlai Khan ein Überbleibsel davon ist, kann man nicht sagen. Jedenfalls versucht das Militär aktuell, den Deckel auf dem secterian conflict draufzuhalten. Bis dato größtenteils mit Erfolg, nun der 6. Februar.
M.S.






