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Betrug im großen Stil im Luftrettungs-“Business”

Der periodisch aufkochende Skandal um betrügerische Praktiken privater Helikopter-Dienste zeigt, wie tief Korruption und organisierte Kriminalität (nicht nur) die Wirtschaft durchsetzen. Dieses Übel will der mit einem massiven Wählermandat bewehrte Hoffnungsträger Balen(dra) Shah an der Wurzel packen. Es ist allgegenwärtig. Und es ist deshalb auf gewisse Weise (nicht nur) Nepal.

Noch um das Jahr 2000 war Trekking und vor allem Bergsteigen in Nepal Sport ohne Netz und doppelten Boden. Wer verunglückte, musste sich selber helfen. Abgesehen davon, dass es in Kathmandu kaum ein Krankenhaus gab, das diesen Namen verdiente, war es praktisch unmöglich, ein Opfer nach der Bergung (dem eigentlich schwersten Teil der Rettung) in die Hauptstadt zu verfrachten. Es gab kein Fest-, Satelliten- oder Mobilfunknetz, um Hilfe aus der Luft zu rufen. Und selbst dann, es gab diese Hilfe nicht – einzig die Nepal Army besaß einige betagte Hubschrauber. Evakuierungen kamen vor, waren aber selten. In der Everest Region zum Beispiel mussten Verletzte zur mehreren Tagesmärschen entfernten Landepisten für Kleinflugzeuge bei Lukla getragen werden. So war es ein ungemeiner Fortschritt und Sicherheitsgewinn, als erst Satellitentelefone und dann Hubschrauber auch im Himalaya mehr und mehr alltäglich wurden.

Wie bei allen Neuerungen hinkte der Staat hinterher. Als dessen Monopol im inländischen Flugverkehr fiel, drängten alsbald private Flugdienste auf den Plan. Zuerst für Flugzeuge und alsbald auch für Hubschrauber. Deren Methoden waren von Anbeginn undurchsichtig, so wie man es von der staatlichen Fluglinie (Royal) Nepal Airlines schon immer gewohnt war. Wer jemals auf einem der kleinen „Flughäfen“ im Gebirge tagelang bei bestem Wetter auf einen regulären Flug warten musste, merkte schnell, dass nicht das Wetter der ausschlaggebende Faktor ist, ob ein Flug stattfindet. Stattdessen hängt es vom bakhsheesh ab, wer in der Maschine sitzt, wann endlich eine kommt. Die Eigentümer der privaten Heli-Dienste bauten diese Praktiken bedeutend aus. Ein Faktor war dabei besonders wichtig: Viele Tourist(inn)en aus dem Westen sind im Besitz einer Versicherung für den Fall einer Evakuierung per Hubschrauber. Zur Idee, zum Wohl der Kund(inn)en und sich selbst die Versicherung zu prellen, war es dann (nicht nur) in Nepal nicht mehr weit.

Im Jahr 2018 machten diese Praktiken zum ersten Mal weltweit Schlagzeilen. Versicherer aus England und Australien drohten damit, keine Bergungsversicherungen mehr für Nepal abzuschließen. Davor war Missbrauch im großen Stil bekannt geworden. Ärzte und Krankenhäuser in Kathmandu hatten vielfach falsche Diagnosen und Therapien angeblich verletzter oder erkrankter Tourist(inn)en in Rechnung gestellt. In der Hauptsaison gab es täglich mehrere Fälle, in denen Wanderer und Wanderinnen keine Lust mehr auf den beschwerlichen Rückweg zu Fuß hatten, sich per Heli nach Kathmandu fliegen ließen und sich dort falsche Atteste besorgten. Bis auf die Versicherung selbst profitierten alle Beteiligten. Man kann davon ausgehen, dass die Staatsbehörden inklusive der Polizei, die bei jedem Notfall involviert waren und bis heute sind, ebenfalls ihren Anteil fürs Wegschauen oder Mitmachen kassierten. Die Ankündigung, keine Evakuierungen mehr zu decken, traf einen empfindlichen Nerv. Dem Trekking-Tourismus drohten heftige Einbußen. Der Staat versprach, hart durchzugreifen und die Praxis zu beenden. Für einige Zeit schien das Problem gelöst, es verschwand aus den Medien.

Doch just Anfang 2026, wenige Monate nach den Gen Z-Krawallen, die sich hauptsächlich gegen die allgegenwärtige Korruption richteten, poppte das Thema erneut auf. Genauer gesagt war es nie ganz verschwunden, wobei allerdings nicht geklärt ist, warum die Versicherer ihre Drohung nicht wahr machten. Die Zahl der Ansprüche gegen sie sei in den letzten acht Jahren gleich geblieben, hieß es. Oder war sogar angestiegen. Berichtet wird nun von Sherpas (Führern) und Hotelmanagern, die gesunden Kunden einreden, sie seien ernsthaft an der Höhenkrankheit erkrankt und müssten so schnell wie möglich evakuiert werden, um nicht zu sterben. In einem Fall wird sogar von Wanderern berichtet, die regelrecht mit gepanschtem Essen vergiftet wurden, um einen Notfall herbeizuführen. Gleichbleibend ist die Technik, für einen Flug mit vier Kund(inn)en jedem einzelnen die komplette Maschine in Rechnung zu stellen. Und noch immer gibt es mehr als genug Tourist(inn)en, die keine Lust auf den Weg zurück zu Fuß haben, per Heli „gerettet“ werden und sich von einer Klinik in Kathmandu eine Notlage attestieren ließen. Es hat sich also, wenn man den Medienberichten glauben kann, nichts zum Besseren geändert, im Gegenteil. Und dies ist nur eine winzige Facette des großen Ganzen. Korruption und Betrug sind das Skelett, das den Organismus Nepal bislang stützt.

M.S.

Texthinweise

https://kathmandupost.com/money/2018/07/31/govt-moves-to-clamp-down-on-helicopter-rescue-scam

https://kathmandupost.com/money/2018/08/23/global-insurers-threaten-to-stop-cover-for-tourists

https://kathmandupost.com/money/2026/03/27/inside-nepal-s-fake-rescue-racket

https://kathmandupost.com/money/2026/04/07/nepal-rejects-everest-poisoning-claims-vows-crackdown-on-rescue-fraud

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