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Pakistan zwischen den Fronten

Zwei Tage vor dem Krieg im Iran bezeichnete die pakistanische Regierung die militärischen Scharmützel an der Durand-Linie zu Afghanistan und die Luftangriffe auf Ziele in Kabul und anderswo im Nachbarland als einen offenen Krieg. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wenn auch die Aufmerksamkeit der Welt daran vorbeigeht. Gleichzeitig agiert die pakistanische Diplomatie als Vermittlerin im Konflikt zwischen Iran und den USA (nicht Israel, das Pakistan bis heute diplomatisch nicht anerkennt).
Pakistan bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat zwischen diplomatischer Aufwertung und struktureller Verwundbarkeit. Im Zuge der eskalierenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran hat sich die Regierung in Islamabad erfolgreich als Vermittlerin ins Spiel gebracht – wenn auch die Lage sich auch wieder rasant schnell ändern kann.
Pakistan unterhält traditionell Beziehungen sowohl zu Iran als auch zu den Vereinigten Staaten und ist daher daher durchaus prädestiniert für eine Funktion als diplomatischer Kanal, wenn die Staaten im Krieg nicht direkt miteinander verhandeln wollen. Diese für Pakistans Diplomatie schmeichelhafte Rolle wird zweifellos von den arabischen Golfstaaten und von China unterstützt, die direkt an einem raschen Ende des Krieges und vor allem an der Wiederöffnung der Straße von Hormus interessiert sind.
Daran hat auch Pakistan ein lebenswichtiges Interesse. Der weitaus größte Teil seiner Versorgung mit fossilen Energien kommt über Öltanker ins Land, die am persischen Golf beladen werden und das Nadelöhr der Straße von Hormus durchqueren müssen. Ohne diese gut geschmierte Nabelschnur bricht die pakistanische Wirtschaft in Windeseile zusammen. Die diplomatische Aktivität Islamabads ist somit nicht nur ein außenpolitisches Manöver, sondern ein überaus dringlicher Versuch der Selbststabilisierung. Vermittlung wird zur Überlebensstrategie.
Im Hintergrund liegt zudem eine zweite, weniger sichtbare Konfliktlinie. Regionen in Grenznähe zu Iran in Belutschistan oder die Grenzgebiete zu Afghanistan sind von separatistischen Tendenzen und militanten Gruppen geprägt. Auch die Szene unter dem Sammelbegriff „pakistanische Taliban“ ist unter der Oberfläche der islamistischen Rhetorik von tiefliegendem ethnischen Identitätsdenken und einer grundlegenden Skepsis gegenüber dem Zentralstaat geprägt.

Anarchie auf der iranischen Seite der Grenze könnte insbesondere den Unruheherd des pakistanischen Teils von Belutschistan befeuern. Diese Spannungen unterminieren die Kohärenz des Staates und schränken auch seine außenpolitischen Handlungsspielräume erheblich ein. Hinzu kommt die dominante Rolle des Militärs, das in zentralen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik oft mehr Einfluss besitzt als zivile Institutionen. Die offizielle Diplomatie ist daher stets auch Ausdruck interner Machtbalancen. Was den Iran angeht, gibt es für Pakistan einen weiteren strategischen Pluspunkt: Die an sich gut funktionierenden indisch-iranischen Beziehungen nützen Indien derzeit wenig. Es kann sich in diesem Konflikt kaum pro-aktiv einbringen.
In diesem Kontext gewinnt die Beziehung zu China besondere Bedeutung. Durch den China-Pakistan Economic Corridor, einen zentralen Bestandteil der Belt-and-Road-Initiative, ist Pakistan wirtschaftlich und infrastrukturell eng an China gebunden. Diese Partnerschaft hat dem Land wichtige Investitionen und Entwicklungsperspektiven eröffnet, gleichzeitig aber auch eine strukturelle Abhängigkeit geschaffen, die den außenpolitischen Spielraum begrenzt. Hinzu kommt die große Abhängigkeit von chinesischen Waffenexporten und Krediten aller Art. In den letzten Jahren wird auch in Pakistan selbst die Frage diskutiert, ob diese Abhängigkeit nicht längst zu weit geht und Pakistan zum Vasallen Chinas gemacht hat.
Dass Pakistan nun als Vermittler zwischen Iran und den USA auftritt, entspricht auch chinesischen Interessen, denn auch China ist in hohem Grad von den Energieexporten über den persischen Golf abhängig. Nebenhei übt im Hintergrund Peking selbst Druck auf den Iran aus, sich amerikanischen Forderungen zu beugen. Unruhe im Iran und im Golf überhaupt liegt absolut nicht im Interesse Pekings.
Die doppelte Einbindung – in westliche Sicherheitsstrukturen einerseits und in chinesische Wirtschaftsprojekte andererseits – zwingt Pakistan zu einer Politik der Balance, die mit dem schmeichelhaften Ausdruck ders „strategischen Ambiguität“ beschönigt wird. Das Land vermeidet klare Festlegungen und versucht, mit allen Seiten arbeitsfähig zu bleiben. Kurzfristig kann diese Strategie Vorteile bringen, etwa in Form diplomatischer Relevanz oder finanzieller Unterstützung. Langfristig jedoch birgt sie Risiken, da sie Misstrauen erzeugt und die Gefahr erhöht, zwischen konkurrierenden Machtblöcken aufgerieben zu werden.
Die Rolle Pakistans im Iran-USA-Konflikt ist daher ambivalent. Einerseits eröffnet sie dem Land die Möglichkeit, sich als konstruktiver Akteur auf der internationalen Bühne zu profilieren und politischen Einfluss zu gewinnen. Andererseits macht sie die strukturellen Schwächen umso sichtbarer: die wirtschaftliche Fragilität, die Abhängigkeit von externen Akteuren, die inneren Spannungen und die begrenzte Fähigkeit, eigenständige strategische Entscheidungen zu treffen. Pakistan vermittelt nicht aus einer Position der Stärke heraus, sondern weil es sich die Eskalation eines Konflikts in seiner unmittelbaren Nachbarschaft schlicht nicht leisten kann.
So erscheint das Land weniger als souveräne Vermittlerin denn als Knotenpunkt widerstreitender Interessen, in dem sich globale Machtpolitik, regionale Unsicherheiten und ökonomische Zwänge überlagern. Die Diplomatie Islamabads ist Ausdruck dieses Spannungsfeldes: ein Balanceakt ohne Netz, bei dem jeder Schritt zugleich Möglichkeit und Risiko bedeutet. Pakistan fungiert gewissermaßen als sichtbarer Akteur von Strategien, deren größere Linien anderswo entworfen werden.

Heinz Werner Wessler

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