Der schwindelerregende Prozess seit den Gen Z Protesten im September 2025 setzt sich fort. Der bis 1950 von der Außenwelt völlig abgeschottete feudalistische Agrarstaat holt nun endlich die soziale Entwicklung nach, welche vom wirtschaftlichen und technischen Fortschritt vorgegeben wird. Der ehemals ehernen Kastenordnung wurde vielleicht nicht das Rückgrat gebrochen, sie musste aber den schwersten Schlag seit dem Ende der inneren Kolonisation der Ranas vor 75 Jahren hinnehmen. Was aktuell geschieht, ist maßgeblicher als das Ende der Monarchie vor 18 Jahren.
Seit 27. März ist Balen Shah, 35 Jahre alt, Premierminister. Welcher Kaste er angehört, lässt er absichtlich im Dunkeln. Ein Signal, dass dieser ehemals wichtigste Marker weiter an Bedeutung verlieren soll. Dafür betont er umso mehr seine regionale Herkunft als einer der weiterhin benachteiligten madeshis (indischstämmige Siedler/-innen der Ebene, die Bevölkerungsmehrheit). Sie wollen die bisherige Dominanz der zahlenmäßig unterlegenen pahadis (der Bergbewohner/-innen) endlich beenden. Balen stützt sich mit der Partei der nationalen Unabhängigkeit RSP (Rastriya Swatantra Party), der er kurz vor der Wahl Anfang März beigetreten war, auf eine Mehrheit von Zweidritteln im Parlament (pratinidhi sabha). Abgesehen von der kaum aussagekräftigen Wahl von 1959 hat es eine solche Mehrheit in der demokratischen Geschichte nicht gegeben.
Die unumschränkte Machtausübung durch Balen und Rabi Lamichhane, Vorsitzender der RSP, wird formal nur noch von der National Assembly (rastriya sabha), dem Oberhaus der Legislative verhindert. In dieser 59-köpfigen Kammer sitzen jeweils acht Delegierte der sieben Provinzen und drei Repräsentant(inn)en der Föderalregierung. Die aktuelle Besetzung entspricht noch den Verhältnissen vor der Volkserhebung, alle Mitglieder gehören den vom Wahlvolk hart abgestraften „Altparteien“ an. Kaum vorstellbar, dass dieses Gremium, die rastriya sabha, Gesetzesvorlagen der nun von Balen und RSP völlig dominierten partinidhi sabha ablehnt oder abändert.
Des einen Brot ist des anderen Tod. Der kometenhafte Aufstieg von Balen Shah spiegelt sich umgekehrt im Absturz von K.P. Sharma Oli wider. Der Patriarch der UML (United Marxist-Leninist) und dreifache Premierminister war die dominante politische Figur seit der Verfassungsreform 2015. Beim Ausbruch der Gen Z Proteste musste er, der damals amtierende Premier, um sein Leben fürchten. Kurz davor waren Dutzende Demonstrant(inn)en durch Polizeikugeln getötet worden. Eine aufgebrachte Menge machte sich auf den Weg zu seinem Amtssitz, weil ihm der Befehl für die Schüsse zur Last gelegt wurde. Die Armee evakuierte ihn per Hubschrauber aus seinem Büro im singha darbar, für Wochen tauchte er in einer Kaserne unter.
Die Übergangsregierung wagte es nicht, vor der Parlamentswahl Anfang März gegen Oli zu ermitteln, um nicht schon während der Wahlen Unruhe zu stiften. Oli wiederum hatte weiterhin seine UML fest im Griff, die trotz äußerst beschränkter Aussichten unter und mit ihm in den Wahlkampf zog. Recht unbehelligt konnte der unbeliebteste Politiker des Landes versuchen, zu retten, was er glaubte, retten zu können. Er irrte sich gewaltig, wie die vernichtende Niederlage zeigt, die Oli in seinem Wahlkreis – dem nun weit bekannten Jhapa-5 – erfahren musste.
Herausgefordert hatte ihn niemand anderes als Balen Shah, der seinem Gegner die maximale politische Niederlage und Schmach beibringen wollte. Balen war sich sicher, auch als völliger Newcomer Oli in seinem ureigensten Territorium schlagen zu können, wo er seit 1991 nur eine Wahl verloren hatte. Es gelang ihm, und wie: Balen gewann dreimal so viele Stimmen wie Oli. Nicht nur seine Partei, auch er ganz persönlich, war völlig besiegt. Da könnte ihm gedämmert haben, dass alles möglich war – und es für die Schießbefehle am 8. und 9. September 2025 ein Nachspiel geben könnte.
Am 28.März, einen Tag nach der Vereidigung seines Erzfeindes Balen zum 43. Premierminister Nepals, wurden sein Innenminister Ramesh Lekhak und er verhaftet. Vorwurf: Verantwortung für den Schießbefehl zu Beginn der Gen Z Proteste. Zwar nicht konkret der Feuerbefehl, jedoch das Unvermögen oder der Unwillen, ihn nicht verhindert zu haben. Eine lange Haftstrafe droht in jedem Fall.
Zuerst wurde Oli in ein Krankenhaus gebracht. Als Vorsichtsmaßnahme: Seit er in den 1970er Jahren zu Panchayat Zeiten in Haft gefoltert wurde, sind die Nieren geschädigt. Man will sicher gehen, dass sich sein Zustand, nach 50 Jahren wieder in Haft, nicht aufgrund dieser verschlechtert. Sieht man es zynisch, ist Oli dort angelangt, wo seine politische Karriere begonnen hat. Von Null auf Hundert und zurück auf Null. Ein Comeback ist so gut wie ausgeschlossen. Stattdessen kann er sich glücklich rühmen, dass in Nepal die Todesstrafe 1997 abgeschafft wurde.
M.S.






