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AJK: Pakistans nächster Krisenherd

Am 27. Juli feuerte die Armee während der ersten von drei Wahlphasen in Mirpur angeblich in die Menge. Die Zahl der Opfer ist ungewiss, die Netze sind in Azad Jammu & Kashmir (AJK) oder auch Azad Kashmir unterbrochen. Gewählt wurde trotzdem.

Die Pakistan Muslim League (N) (PML-N) hat bei Wahlen am 27. Juli neun der 13 Wahlkreise des Bezirks Mirpur in AJK gewonnen, die Pakistan People’s Party (PPP) konnte nur vier Sitze erringen – so die veröffentlichten vorläufigen Ergebnisse der Wahlkommission im Internetportal von Dawn. Die PPP gewann allerdings den Sitz in der Bezirkshauptstadt Mirpur. Die Wahlen in AJK finden aus Sicherheitsgründen in drei Phasen statt, die erste Wahlrunde am 27. Juli im Bezirk Mirpur. PML-N und die PPP warfen sich gegenseitig Wahlbetrug vor.

Seit Anfang Juni kommt es in AJK zu massiven Unruhen mit Dutzenden von Toten unter Zivilisten und Sicherheitskräften. Ein Ende ist nicht in Sicht. Formaler Anlass ist die Wahl zum regionalen Parlament, der AJK assembly, am 27.Juli. Zwölf der 53 Sitze sind reserviert für Flüchtlinge aus dem indischen Teil Kaschmirs. Gefordert wird die Abschaffung dieser Klausel, da die Kandidat(inn)en nicht ansässig sind und eher das Wohl Pakistans als das ihrer angeblichen Heimat auf dem Schirm haben. Problem dabei: Das erfordert nicht nur eine Änderung der eigenen Verfassung, sondern auch der Pakistans. Grundlegender sind aber akute finanzielle Nöte: explodierende Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit, sinkende Zuschüsse und Inflation.

Das JAAC (joint awami action committee, vereintes Volksaktionskomitee) organisiert die Proteste und vereint eine breite Bewegung von Geschäftsleuten, Händler(inne)n, Spediteuren, Student(inn)en, Anwält(inn)en und diversen Bürgerrechtsgruppen. Man kann von einer echten Volksbewegung sprechen, die die Interessen der meisten Bürger/-innen vertritt. Der Ursprung, sich als JAAC zu organisieren, geht auf die seit langem vor sich hin köchelnde Unzufriedenheit mit Islamabad zurück, die immer wieder zum Ausbruch kommt. 2022/2023 entzündete sich der Protest am Preis für Elektrizität. In AJK liegt mit dem Mangla Reservoir eines der größten Wasserkraftwerke des Landes. Die Bürger/-innen von AJK forderten damals Strom zum Erzeugerpreis, weil man der rechtmäßige Eigentümer von Mangla sei. Aus diesem Protest bildete sich 2023 das JAAC, welches seitdem jährlich umfangreiche Proteste organisiert und durchführt.

Im Juni dieses Jahres begannen die bisher gewalttätigsten Unruhen. Am 5. des Monats wurde das JAAC verboten. Sozusagen präventiv, denn zwei Tage später lehnte das höchste Gericht, das Supreme Court, die Abschaffung der zwölf reservierten Sitze in der assembly ab. Gleichzeitig erhöhte der Staat den Spieleinsatz erheblich und erklärte das JAAC zur terroristischen Organisation. Wie üblich sind Internetdienste unterbrochen und den Behörden wird vorgeworfen, die Versorgung mit Medikamenten und Nahrungsmitteln absichtlich zu verzögern.

Viele Anführer der Proteste wurden verhaftet, durch die drakonische Antiterrorgesetzgebung drohen hohe Freiheitsstrafen. Wiederum kommt massive Kritik am Oberbefehlshaber der Streitkräfte Feldmarschall Asim Munir hinzu, was einen Tabubruch darstellt. Genauso werden erste Rufe nach Abzug der Armee und nach Unabhängigkeit laut – riskante Aussagen, die anderswo mit rigoroser militärischer Gewalt unterdrückt werden.

Für Pakistan kommt der Konflikt zur Unzeit und trifft einen neuralgischen Punkt. Seit vielen Jahren sind die Grenzregionen ein Unruheherd. In Balochistan und KPK (Khyber-Pakhtunkhwa) herrscht ein bewaffneter Aufstand. Während es in Karachi selbst zur Zeit relativ still ist, gärt es immer wieder zwischen Sindh und Punjab. In Gilgit-Baltistan kommt es regelmäßig aus vielerlei Gründen zu Gewaltausbrüchen. Und nun die blutigsten Unruhen in der Geschichte AJKs – nicht etwa durch angebliche „Terroristen“, sondern durch ein breites ziviles Bündnis – und das ausgerechnet am empfindlichsten Abschnitt der sowieso äußerst sensiblen Grenze zu Indien.

Auf tragikomische Art zeigt die Krise die Absurditäten im Disput um das Fürstentum Jammu & Kashmir, der das Verhältnis von Pakistan und Indien seit Beginn vergiftet. Glücklich sind die Kaschmiri weder hier noch dort. Freiheit fordert man in beiden Teilen, keiner wird sie so schnell erringen. In ihrem Namen aber ziehen Pakistan und Indien regelmäßig in Scharmützel, und es ist nie ausgeschlossen, dass es zum ganz großen Knall kommt.

Schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht, denn der Aufruhr wurzelt nicht wirklich im Streit um Sitze und Rechte, sondern in der ökonomischen Misere des ganzen Landes. Die Ökonomie stagniert, obwohl die Bevölkerung weiter auf hohem Niveau wächst. Verwaltet wird der Mangel, das erinnert an Zustände in Osteuropa vor 1989. Das Regime (Regierung kann man es kaum nennen) ist, anders als Indien, nicht fähig, ein Maß an Wachstum zu generieren, das den Leuten wenigstens Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt. Es reagiert nur stets härter auf Kritik und zwingt die Leute in den (militanten) Widerstand.

M.S.

Bild

“Voting procress during 2016 Azad Kashmiri general election” © Voice of America – Roshan Mughal @ Wikimedia Commons

Texthinweise

https://www.theguardian.com/world/2026/jul/28/pakistan-accused-firing-unarmed-protesters-kashmir-killings

https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Azad_Kashmir_protests

https://www.dawn.com/news/2005462

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/17/un-urges-probe-into-deaths-in-pakistani-administered-kashmir-unrest

https://www.dawn.com/news/2015795/ajk-violence

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