Nirmal Purja und neun weitere Bergsteiger wurden am 30. Juli gegen 09.30 Ortszeit am Broad Peak (8047m) im Karakorum in Pakistan von einer Lawine auf 6600 Metern erfasst. Nach einigen Tagen Ungewissheit wurde am Morgen des 2. Augusts der Tod aller Teilnehmer gemeldet.
Purja, genannt Nims Dai (Dai = ‘älterer Bruder’ auf Nepali), gehörte zum Spitzensegment der 8000er-„Jäger“ der neuen Generation. Zu Beginn ging es um einen Rekord: mehrere der 14 höchsten Berge der Welt erreicht zu haben. Reinhold Messner, der erste, der alle bestieg, fasste erst im Verlauf seiner Karriere diesen Entschluss. Er benötigte dazu 16 Jahre. Expeditionen blieben aber teuer und mühselig, mehr als einen Gipfel pro Jahr schafften lange Zeit wenige. Der Schnellste war der Südkoreaner Kim Chang-ho innerhalb acht Jahren. Als dann Nims 2019 als relativ unerfahrener Bergsteiger ankündigte, die 14 in sieben Monaten zu besteigen, glaubte die Fachwelt, sich verhört zu haben. Doch gesagt, getan – in sechs Monaten und sechs Tagen. Wie, ist eine andere Frage. By fair means, so das Ideal, war es keinesfalls. Wobei das für viele andere 8000er Expeditionen ebenfalls gilt.
Die alpine Elite sieht die Entwicklung – zuerst 8000er sammeln, dann möglichst schnell und viele –nicht als Fortschritt. Heute wird selbst ihre Besteigung an sich kritisch gesehen. Den Hut musste die Elite dann aber doch ziehen, als Nims und neun Sherpas im Januar 2021 den K2 als letzten 8000er im Winter bestiegen. Nims zusätzlich ohne Sauerstoff. Das war ein Novum und ein würdiges Ende der Saga: Die härteste Nuss wurde von denen geknackt, den Einheimischen, ohne die Bergsteigen im Himalaya im herkömmlichen Sinn undenkbar ist und die trotzdem lange fast komplett ignoriert wurden. Neun Sherpas und ein Magar (nämlich Nims), alles Nepali und sonst niemand, gratulierten sich auf dem K2.
Es ist selbst in Nepal kaum jemandem bewusst, dass Nims nicht zum berühmten Volk der Sherpas vom Fuße des Mount Everest gehörte, deren Name sprichwörtlich für Bergsteigen geworden ist. Damit hatten die Sherpas selber eine Weile ein Problem. In ihrer manchmal leicht überheblichen Manier halten sie von den vielen Völkern, die Nepal bewohnen, nur ihr eigenes für geeignet, im Himalaya auf die Gipfel zu steigen. Nims aber war Magar und stammte aus dem Westen des Landes, dem kleinen Ort Dana am Fluss Kali Gandaki im Distrikt Myagdi. Der Ort liegt im Schatten von Dhaulagiri (8167m) und Annapurna (8091m). Die Magar sind in den Augen der Sherpas Flachländer, die zwar überaus robust und auch etwas talentiert sind, aber sonst an den höchsten Bergen nicht weit kommen.
Die ersten Karriereschritte brachten Nims zu den Gurkhas, denen er 2003 im Alter von 20 Jahren beitrat. 2012 wurde er Brite und konnte in die Eliteeinheit des Special Boat Service aufsteigen – musste aber den ersten Pass abzugeben. Eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert Nepal nicht. Im gleichen Jahr, im Alter von 29 Jahren, war er zum ersten Mal im Himalaya und bestieg den ersten Gipfel, den Lobuje East (6145 m). Zwei Jahre später den ersten 8000er. Vier Jahre darauf nahm er Abschied vom Militär und wurde Profibergsteiger.
Profis haben ein spezifisches Problem: Wer im Himalaya Geld verdienen will, muss sich auf die 14 Riesen beschränken – immer die Gleichen, meist auf denselben Routen. Gesichert ist, dass Nims als 42ster alle 14 zum ersten Mal bestieg. Er war der Zweite, der alle zum zweiten Mal schaffte. Angeblich stand er kurz davor, es als Erster zum dritten Mal (!) alle zu schaffen. Laut einigen Facebook Posts hatte er 57 (!!) Bestätigungen über das Erklimmen der 8000er Gipfel unterm Gürtel, bevor er Ende Juli (wieder einmal) zum Broad Peak zog.
Alpinismus im Himalaya ist ein riskanter Sport (oder Broterwerb), und das nicht nur über 8000 Metern. Es wäre jedoch falsch, Nims im Nachhinein Fahrlässigkeit zu unterstellen. Während der langen Zeit, die er und seine Partner in dem exponierten Gelände verbrachten, kam nie jemand zu Schaden. Der jetzige Unfall ähnelt einem Schicksalsschlag. Häufig lesen wir Nachrichten wie Bergsteiger erfroren, verirrten sich im Nebel und erlagen der Höhenkrankheit. Doch nie zuvor starben am Broad Peak so viele gemeinsam durch ein unvorhergesehenes Ereignis: sozusagen Höhere Gewalt. Nur die Katastrophen am Nanga Parbat mit deutschen Bergsteigern (und Sherpas) 1934 und 1937 sind in der ganzen Berghistorie Pakistans vergleichbar mit dem, was am Broad Peak vor ein paar Tagen geschah.
M.S.
Texthinweis
https://en.wikipedia.org/wiki/Magars






