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Afghanistan und seine Literatur fünf Jahre nach der Machtergreifung der Taliban

Am heutigen 15. August 2026 feiert nicht nur Indien seine Unabhängigkeit von 1947, sondern auch die Taliban fünf Jahre ihrer erneuten Herrschaft über Afghanistan. In Kabul inszeniert das Regime den Jahrestag als “Tag des Sieges” (rūz-e pirūzī) und als Befreiung von ausländischer Besatzung. Die Taliban können bei ihrer eigenen Bevölkerung durchaus damit punkten, für politische Stabilität und größere Sicherheit zu stehen. Das kommt bei der Bevölkerung durchaus an, trotz aller Härte, die das Regime mit sich gebracht hat. Der soziale und kulturelle Raum des Landes hat sich vor fünf Jahren schlagartig verändert und verändert sich weiterhin. Frauen wurden weitgehend aus Bildung und öffentlichem Leben verdrängt. Die Schlupflöcher unter anderem im Internet werden vielleicht nur deswegen geduldet, weil die Taliban überfordert sind – und weil die Herren Taliban besagte Schlupflöcher für die Ausbildung ihrer eigenen Töchter selbst durchaus nutzen.

Unabhängige Medien gibt es kaum noch. Zu groß ist die Angst. Kunst, Musik und Literatur sind weitgehend in den privaten Raum abgetaucht. Jenseits der Grenzen gibt es aber einiges zu entdecken – dank Internet durchaus nicht losgelöst vom Geschehen im Lande selbst. Literatur ist deshalb zu einem der Orte geworden, an denen ein anderes Afghanistan weiterexistiert.

Die kulturelle Krise lässt sich dabei kaum von der humanitären und politischen Situation trennen. Afghanistan gehört weiterhin zu den Ländern mit dem größten humanitären Hilfsbedarf.  Nach UN-Angaben sind 17,9 Millionen Menschen, ein Drittel der Bevölkerung, akut vom Hunger bedroht. Die Herrschenden scheint das nicht besonders zu kümmern. Internationalen Geber sind durchaus auch unter den Taliban aktiv, doch Hilfsmittel sind drastisch zurückgegangen. Die Vereinten Nationen beziffern allein den humanitären Finanzierungsbedarf für 2026 auf rund 1,7 Milliarden US-Dollar, doch Mitte August war davon erst etwa ein Viertel gedeckt. Eigentlich keine großen Summen sollte man denken, doch gleichzeitig soll die Hilfe ja nicht systemstabilisierend wirken.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die vorsichtige Wiederannäherung zwischen Afghanistan und Indien. Nach der Machtübernahme der Taliban 2021 hatte Neu-Delhi seine Botschaft zunächst geschlossen, nahm jedoch bereits 2022 mit einem „technical team“ in Kabul wieder eine begrenzte Präsenz auf, offiziell vor allem zur Koordination humanitärer Hilfe. Seitdem hat Indien unter anderem rund 50.000 Tonnen Weizen, mehr als 330 Tonnen Medikamente und Impfstoffe sowie Hilfsgüter für Erdbebenopfer geliefert. Inzwischen geht die Zusammenarbeit wieder deutlich weiter: Für das Haushaltsjahr 2026/27 erhöhte Indien seine Entwicklungshilfe für Afghanistan von 100 auf 150 Crore Rupien. Im Frühjahr 2026 folgten weitere medizinische Hilfslieferungen, Impfstoffe und Hochwasserhilfe. Im Juli berieten beide Seiten in Neu-Delhi bereits wieder offiziell über humanitäre Hilfe, Gesundheit, Bildung, Handel und Entwicklungszusammenarbeit.

Die humanitäre Krise wird durch die massenhafte Rückkehr beziehungsweise Abschiebung afghanischer Flüchtlinge aus Iran und Pakistan zusätzlich verschärft. Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten außerhalb Afghanistans gelebt haben, gelangen in ein Land zurück, das ihnen kaum wirtschaftliche Perspektiven bietet. Für Künstler, Intellektuelle und ehemalige Mitarbeiter der früheren Republik kann eine Abschiebung darüber hinaus eine unmittelbare persönliche Gefahr bedeuten.

Aus dem langjährigen Konflikt um die pakistanischen Taliban (TTP), Grenzfragen und den Vorwurf Islamabads, Kabul dulde militante Gruppen auf afghanischem Boden, ist inzwischen eine offene militärische Konfrontation zwischen Afghanistan und Pakistan geworden. Besonders schwer waren pakistanische Luftangriffe auf Kabul im März 2026. Nach Angaben der nicht-militärischen UN-Unterstützungsmission UNAMA kamen dabei mindestens 269 Zivilisten ums Leben. Amnesty International forderte inzwischen eine Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen. Afghanistan erlebt fünf Jahre nach dem Ende des westlichen Militäreinsatzes also keineswegs jene Friedenszeit, die die Taliban in ihrer offiziellen Selbstdarstellung beschwören.

Diese Situation verändert auch die afghanische Literatur. Wie stark sich ihr kulturelles Zentrum in Richtung Diaspora verschiebt, zeigt die neuere Forschung. Shahram Aslonov untersucht in seinem im Juni 2026 erschienenen Aufsatz „Afghan-American Diaspora Literature and Its Distinctive Features“ die afghanisch-amerikanische Literatur als eigenständiger werdende diasporische Tradition. Im Mittelpunkt stehen Khaled Hosseini, Zohra Saed und Tamim Ansary. Aslonov arbeitet Exil und Erinnerung, kulturelle Hybridität, Trauma und die Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat als wiederkehrende Motive heraus. Theoretisch bezieht er sich unter anderem auf Stuart Hall, Homi Bhabha und Salman Rushdie. Dabei versteht er diese Literatur als Brücke zwischen Afghanistan und einer globalen Leserschaft, die kulturelle Erinnerung bewahrt und zugleich in einem neuen sprachlichen und gesellschaftlichen Umfeld entsteht.

Allerdings sollte man Aslonovs Beitrag eher als Symptom eines wachsenden Forschungsinteresses denn als grundlegende neue Studie zur afghanischen Diasporaliteratur lesen. Die Literatur selbst ist wesentlich vielfältiger. Neben dem mittlerweile weltweit bekannten englischsprachigen Literaturstar Khaled Hosseinis existiert eine breite literarische Produktion auf Dari/Persisch und Paschtu. Gerade die Dichtung besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Die Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren hat der Produktion von Gedichten afghanischer Autorinnen und Autoren keinen Abbruch getan. Darunter auch sehr viel Politisches, das über soziale Medien verbreitet wird.

Wie tief der Einschnitt von 2021 in das kulturelle Selbstverständnis reicht, beschreibt heute, am fünften Jahrestag der Machtübernahme, die afghanisch-britische Journalistin Nelufar Hedayat im Guardian. Vor 2021, erinnert sie sich, erreichten sie über soziale Medien Bilder von Familienleben, Mode, Cafés, Musik und einer lebendigen Jugendkultur. Afghanistan und seine Kultur hätten sich damals näher angefühlt. Heute kämen immer weniger Geschichten aus dem Land ihrer Geburt. Doch Hedayats Kulturpessimismus hat sicherlich auch mit der Trostlosigkeit der Diaspora zu tun.

Hedayats Artikel endet mit einem bemerkenswert literarischen Gedanken: Afghaninnen und Afghanen müssten ihre Geschichten lebendig halten. Erzählen wird damit selbst zu einer Form kultureller Selbstbehauptung. Die Geschichten sollen ein afghanisches Selbstverständnis bewahren, das weder durch ausländische Besatzung noch durch die „brutale Theokratie“ der Taliban definiert wird.

Fünf Jahre nach dem Fall Kabuls entsteht so ein paradoxer kultureller Raum. Im Inneren des Landes ist das freie Schreiben in den Untergrund gegangen. Außerhalb Afghanistans wächst dagegen eine vielstimmige Literatur der Erinnerung, der Migration und des Exils. Die Abschiebungen aus Iran und Pakistan machen allerdings deutlich, wie prekär auch dieser Exilraum ist: Diaspora bedeutet keineswegs automatisch Sicherheit. Krieg, Flucht und erzwungene Rückkehr verschieben die Orte afghanischer Kultur immer wieder aufs Neue.

Die Taliban können heute ihre politische und militärische Macht feiern. Doch Literatur entzieht sich einer solchen eindeutigen Siegeserzählung. Sie erinnert an verlorene Freiheiten, bewahrt Erfahrungen von Menschen innerhalb und außerhalb des Landes und hält die Vorstellung eines anderen Afghanistan offen, so trostlos die Gegenwart auch erscheinen mag. Gerade nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft erfüllt sie damit eine ganz wichtige Funktion.

Heinz Werner Wessler

Literatur

Aslonov, Shahram. “Afghan-American Diaspora Literature and Its Distinctive Features.” Qo‘qon DPI. Ilmiy xabarlar jurnali 8, no. 4 (2026): 109–121. DOI: 10.70728/b.series.v08.i04.015. Artikel und Abstract

Hedayat, Nelufar. “I Feel Guilt Talking to Those Left Behind in Afghanistan. While I Enjoy Freedom, They Are Prisoners.” The Guardian, 15 August 2026. Nelufar Hedayats Artikel vom 15. August 2026

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