Skip to content Skip to footer

High Noon Pakistan

Die Anhänger Imran Khans fordern seine Freilassung und drohen mit dem Marsch auf die Hauptstadt. Beides wird misslingen – und Pakistan wieder einmal blamiert werden.

Seit über drei Jahren sitzt Imran Khan, ehemals Premierminister und früher einmal das größte Sportidol des Landes, hinter Gittern. Bald wird er 74 und es sieht nicht danach aus als ob er bald in Freiheit käme.

Der Lange Marsch am 27. September

Die Urteile, die Imran Khan ins Gefängnis brachten, halten seine Anhänger:innen von der PTI (Pakistan Tehreek-e Insaf, Pakistan Bewegung der Gerechtigkeit) und seine Familie (in erster Linie seine zwei Söhne und vier Schwestern) allesamt für illegal und politisch motiviert. Sie fordern deshalb seine umgehende Freilassung. Um dem Nachdruck zu verleihen, bereitet die Partei seit Wochen einen „Langen Marsch auf Islamabad“ vor, der am 27. September stattfinden sollte, nun aber um eine Woche verschoben wird. Angekündigt – oder gedroht – wird im landestypischen Stil gleich mit Millionen Anhänger(inne)n, die sich sternförmig auf die Hauptstadt zubewegen sollen. Die meisten Anhänger/-innen werden wohl in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa (KP) mobilisiert, wo die PTI die Regierung stellt und über 80 Prozent der Bevölkerung repräsentiert.

Der konkrete Anlass

Seit Jahren streiten sich Anhänger/-innen und Familie mit den Behörden um die Haftbedingungen und die medizinische Versorgung des prominenten Häftlings. Wie es sich tatsächlich verhält, lässt sich, wie so vieles in Bezug auf Pakistan, alles andere als sicher sagen. Laut seinen Parteigänger(inne)n soll er langsam zermürbt werden, psychisch und vor allem körperlich. Die Behörden widersprechen dem vehement, laut ihnen fehlt es dem Häftling an nichts. Allerdings gab es nun vor einigen Wochen einen eindeutigen Grund zur Kritik an deren Verhalten: Niemand anderes als das Höchste Gericht des Landes (das Supreme Court) ordnete eine medizinische Untersuchung Khans an – und nannte auch gleich die betreffende Institution: Das private Al Shifa Krankenhaus in Islamabad. Stattgefunden hat die Untersuchung jedoch im staatlichen Pakistan Institute of Medical Science, einer Einrichtung mit deutlich weniger Renommee (siehe auch SÜDASIEN Hefte 2 und 3). Khans Anhänger/-innen sehen darin eine strafbare Missachtung des Obersten Gerichts und den Beleg dafür, dass ihrem Vorsitzenden in der Haft nicht die entsprechende Behandlung zu Gute kommt.

Islamabad = Containerabad

Die Hauptstadt hat in letzter Zeit einige „lange Märsche“ und teils monatelange Blockaden nicht nur von Khan und der PTI erlebt. Die Behörden haben im Umgang mit solchen Demonstrationen reichlich Übung. Der letzte fand im November 2024 statt, gelähmt war Islamabad schon Wochen davor. Die Behörden benutzten vorzugsweise Schiffscontainer, um die Bewegungen der Massen zu behindern, weswegen die Stadt auch seit Längerem bei solchen Ereignissen Containerabad genannt wird. Ungefähr 50.000 PTI-Anhänger/-innen gelangten trotzdem bis ins Zentrum, es gab Tote unter ihnen und den Sicherheitskräften. Die PTI erreichte keines ihrer Ziele, dafür waren die Bilder, die mehrere Tage in die Welt hinaus gingen, umso verheerender. Vermutlich wird sich das ziemlich exakt wiederholen und Pakistan erneut als ein Land erscheinen, das am Abgrund steht und kurz davor ist, den nächsten Schritt nach vorn zu machen.

Warum kein PTI-Verbot?

Darauf wird man vermutlich in den militärischen (und den nachgeordneten zivilen) Machtzirkeln keine richtige Antwort haben. Seit Khans Machterosion, die Ende 2021 einsetzte, werden seine Anhänger/-innen offiziell und vor allem inoffiziell rücksichtslos verfolgt. Zehntausende sind hinter Gittern, mehr oder weniger rechtmäßig verurteilt. Der Staat und sein Sicherheitsapparat, vor allem die einzelnen Geheimdienste, nutzen die ganze Bandbreite repressiven Methoden. Es wäre kein großer Schritt (und würde kaum für Aufsehen sorgen), die PTI endgültig zu verbieten, um weitere „lange Märsche“ mitsamt ihren fürs Landesimage ruinösen Bildern zu unterbinden.

Aber stattdessen konnten Khans Anhänger/-innen als Unabhängige bei der letzten Nationalwahl Anfang 2024 kandidieren und einen beachtlichen Erfolg landen. Und in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa sind sie mit einer Zweidrittelmehrheit an der Macht. Vor allem von hier geht nun die Initiative für den Langen Marsch am kommenden Sonntag aus. Es bleibt ein Rätsel: Das militärisch-zivile „hybride“ System, das Pakistan seit Khans Entmachtung endgültig dominiert, hat das demokratische Ufer zweifellos hinter sich gelassen. Warum bietet es dann dem Rest der Welt, anders wie andere totalitäre Regimes wie zum Beispiel Iran oder Saudi Arabien, Bilder solch eklatanter innerer Schwäche?

Wie stark ist das hybride System?

Ein Teil der für die Landeselite unbequemen Antwort liegt mit Sicherheit darin begründet, dass es weniger aufwändig ist, einen räumlich und zeitlich begrenzten Aufruhr der PTI zu unterdrücken als die Partei flächendeckend im ganzen Land permanent zu verbieten. Dazu fehlen dem System, das sich gleichzeitig mit einer Terrorwelle in KP und Balochistan konfrontiert sieht und zusätzlich mit sich verschlechterten Beziehungen zu Afghanistan und Indien zu kämpfen hat, wohl wirklich die Ressourcen. Der Albtraum wäre, im ganzen Land bei jeder gehissten PTI-Flagge den Repressionsapparat mobilisieren zu müssen. So bleibt es bei der anscheinend „vernünftigeren“ Alternative, über den Häftling Khan ein Maß an Einfluss auf die PTI zu bewahren, bevor sich diese mit Staatsfeinden wie den Taliban oder den Nationalisten in Balochistan solidarisiert. Risikoreich sind die Strategien jedoch allesamt. Pakistans „Gönner“ und Alliierte sollten auf einen nachhaltigeren, weniger riskanten Kurs drängen.

Folgen für den Mekka-Pakt

Die hohe Beanspruchung des Militärs wird Auswirkungen auf die Pflichten aus dem Mekka-Pakt mit Saudi-Arabien und die Türkei haben. Aktuell hat Pakistan zum Beispiel nicht die Mittel, Saudi-Arabien im Konflikt mit den Houthis in irgendeiner Form zu unterstützen und dies, obwohl man selber heftig unter den Energieengpässen leidet. Wiederum ist mehr als fraglich, ob Saudi-Arabien und die Türkei sich jemals dazu bewegen lassen, in die Konflikte mit Indien und Afghanistan einzugreifen (ganz zu schweigen bei inneren Feinden, die von „außen“ unterstützt werden). Für Saudi-Arabien und die Türkei ist Indien der weitaus wichtigere Partner im Vergleich zu Pakistan. Und mit der Taliban in Afghanistan werden sich beide Länder erst recht nicht anlegen wollen, nachdem die USA und NATO dort  nach 20 Jahren ergebnislos abziehen mussten.

Khan als Heilsbringer?

Wenn man Khans Bilanz als Politiker und vor allem Premierminister von 2018 bis 2022 betrachtet, können Zweifel aufkommen, ob er tatsächlich der richtige Mann für die gewaltigen Probleme sein könnte, mit denen Pakistan immer heftiger konfrontiert wird. Es ist wie bei allen Populisten: Seine Kritik der Umstände ist zum Großteil mehr als berechtigt. Allerdings scheiterte er, wie praktisch alle Populisten, genau an diesen. Von Beginn fehlte es ihm am politischen Fingerspitzengefühl. Eine zivile Gesellschaft lebt davon, dass alle Parteien, Gruppen und Klassen miteinander auskommen. Diesen Kompromiss kündigte Khan gleich von Anfang auf und trieb damit die Spaltung voran wie kein Politiker seit 1971. Khan ist kein Fan des militärischen Machtapparates, aber dieser gehört nun seit Jahrzehnten zum hybriden System und lässt sich nicht von heute auf morgen entmachten und abschaffen. Das könnte unter Umständen die Existenz des Landes aufs Spiel setzen.

Der bleibende Eindruck

Was höchstwahrscheinlich vom „Langen Marsch“ bleiben wird, ist der Eindruck eines Landes, das prekär am Abgrund entlang schlittert. Mit aller Gewalt versucht das hybride System noch nach der Balance. Keiner der Beteiligten weiß im Prinzip wirklich so genau, was er tut und was für Konsequenzen das hat. Auf Dauer kann das keine Lösung sein. Wie so eine aussehen soll, weiß allerdings auch niemand.

M.S.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner
0