Pakistan erlebt aktuell einen seiner seltenen außenpolitischen Triumphe, nachdem es Jahrzehnte vom Westen inklusive dem wichtigsten Alliierten USA wie ein Paria behandelt geworden ist. Das änderte sich grundlegend mit dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps, der in Bezug auf Südasien eine für ihn ganz untypische Konstanz zeigt: Ohne Ausnahme äußerte er sich wohlwollend gegenüber Pakistan und zeigt gleichzeitig eine unüberwindbar scheinende Abneigung gegen Premierminister Narendra Modi und Indien. Das macht in den Korridoren der politischen Elite in Islamabad und noch wichtiger, in den klimatisierten Bungalows der Generäle die ungewohnte Wertschätzung gleich doppelt so schön. Vor allem der Oberbefehlshaber der Armee, seit einem Jahr nun Feldmarschall Asim Munir, wird von Trump mit Lob geradezu überhäuft. Fast ist man versucht zu glauben, Trump hätte damit von Anfang an eine weitsichtige Strategie verfolgt, um Pakistan im Konflikt zwischen den USA (und Israel) mit dem Iran auf seine Vermittlerrolle vorzubereiten.
In deutschen und anderen westlichen Medien wird kaum erwähnt, dass Pakistan der wichtigste Unterhändler hinter den Kulissen war, entscheidender als die Türkei, Katar und Ägypten. Dafür erhält Pakistan umso mehr Lob aus Russland, China und der muslimischen Welt. Am Wichtigsten ist jedoch wieder, dass Indien keine Rolle gespielt hat. Pakistans Medien kosten (müssen?) den Erfolg voll aus und man bekommt dabei fast den Eindruck, man hätte praktisch im Alleingang Frieden zwischen den unversöhnlichen Feinden geschaffen.
Dabei handelt es sich vorerst um einen wackligen, in vieler Hinsicht unklaren Deal, im Prinzip nicht mehr als eine Feuerpause von 60 Tagen. Wie viele Details umgesetzt werden sollen, ist nicht einmal ansatzweise klar. Das hindert die Elite in Politik, Armee und Bürokratie nicht daran, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und sich in der ungewohnten Anerkennung von Donald Trump und anderer Mächte zu sonnen. Unter den Tisch fällt dabei, dass man neben der Sache der USA auch die von Israel betreibt, was das größte außenpolitische Tabu nach dem Nachgeben gegenüber Indiens darstellt – und was gleichzeitig die muslimische Welt spaltet. Ganz offensichtlich ist die Patronage der USA unentbehrlicher als die Solidarität der muslimischen Staaten untereinander. Völlig ausgeblendet wird auch die Tatsache, dass man – Unterhändlerstatus hin oder her – gegen die einzige muslimische Nation verbündet ist, die einen Gesellschafts- und Staatsumbau durchgeführt hat, wie man ihn sich eigentlich selbst auf die Fahnen geschrieben.
Daheim werden nun Stimmen laut, das gezeigte Können auch auf die eigenen Konflikte (innen und außen) anzuwenden. Aktuell kann es an den Grenzen zu Indien und Afghanistan jederzeit zu neuen Scharmützeln kommen, die außer Kontrolle geraten können. Selbst mit Iran gab es in jüngster Vergangenheit militärische Grenzstreitereien, von denen keiner profitierte. Noch viel wichtiger wäre es, im Inland mit Balochen und Paschtunen eine nachhaltige Friedensordnung zu schaffen. Nichts lässt das Land ökonomisch, politisch und menschlich stärker ausbluten und zerrüttet das letzte bisschen Vertrauen in Armee und Staat, als diese Konflikte. Dann ist es an der Zeit, endlich Imran Khan und seine quasi verbotene Partei wieder in den politischen Prozess zu integrieren. Natürlich trägt die Elite Pakistans an keinem der Konflikte ausschließlich selbst Schuld, kompromissbereit müssten auch die anderen Parteien sein. Andererseits kann sich ein Land kaum so viele ungelöste militante Konflikte auf Dauer leisten und gleichzeitig wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme lösen. Deswegen müsste vor allem das Militär endlich ernsthafte und klare Signale aussenden.
Profitieren würde von einem stabileren, friedlicheren inneren und äußeren Umfeld besonders die breite Masse der Bevölkerung. Kaum eine anderes Land litt so heftig unter der Blockade der Straße von Hormus und den hohen Preisen für Benzin, Diesel, Dünger und anderem. Die außenpolitischen Erfolge sind dafür kein Ersatz. Seit Jahren sinkt das Land im Human Development Index im Vergleich zu anderen Nationen Südasiens immer weiter ab. Bei der Vorstellung des neuesten Budgets gab es von innen und außen Lob dafür, endlich die Inflation gezähmt zu haben. Aber um welchen Preis? Keine weiteren Schulden, aber auch weniger Investitionen und geringes Wachstum. Seit 2019 steigt die Zahl der Menschen unter der Armutsgrenze wieder an, auf zuletzt knapp 29 Prozent. Das bedeutet 3,50 US-Dollar pro Kopf und Tag, bei der Preissteigerung der letzten Jahre eine geradezu lächerlicher Betrag. Natürlich ist es lobenswert, wenn ein Beitrag zur internationalen Verständigung geleistet wird. Aber noch mehr braucht es endlich Frieden im eigenen Haus.
M.S






