Skip to content Skip to footer

Clevere Politik oder neue Haltung?

Modi-Aufruf: “Werbt um die Pasmanda-Muslime!”

Ram Puniyanic

Während seines Besuchs in Hyderabad im Juli 2022 rief der indische Premierminister Narendra Modi seine Anhänger/-innen dazu auf, sich den Pasmanda-Muslim(inn)en, einer benachteiligten muslimischen Gemeinschaft, zuzuwenden – Sneh! Das löste eine Debatte innerhalb muslimischer Gemeinschaften darüber aus, ob die Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) den Pasmanda-Muslim(inn)en wirklich helfen will, und ob es zu einer Annäherung mit der BJP kommen soll.

Die hindu-nationale Regierungspartei BJP scheint auf Erfolgskurs zu sein. Einerseits liegt es an der vermeintlichen Attraktivität der Partei selbst, andererseits werden gewählte Vertreter/innen anderer Parteien mit Erfolg abgeworben. Dabei meint man, dass Muslime und Musliminnen eigentlich keine BJP-Anhänger/-innen seien. Das ist möglicherweise nicht ganz richtig.

Bei einer kürzlich durchgeführten  Parteizusammenkunft der BJP forderte Premierminister Narendra Modi seine Parteimitglieder auf, sich an jene potentielle Wählerschaft zu wenden, die aufgrund der von der Opposition heraufbeschworenen „BJP-Phobie“ nicht für die BJP gestimmt hätten. Dabei wird außer Acht gelassen, dass es von der Parteiführung selbst Hassreden in Hülle und Fülle gibt, weshalb viele die BJP fürchten.

Wie bei anderen Minderheiten auch, ist die Macht der Bulldozer bei den muslimischen Gemeinschaften angekommen. Die politische Beobachterin Zainab Sikander fasst ein Beispiel treffend zusammen: „Ein Mann mit amputierten Händen wird in Madhya Pradesh des Steinewerfens beschuldigt. Seine einzige Einnahmequelle, sein Laden, wird dem Erdboden gleich gemacht. Du siehst sein Elend, fühlst dich vielleicht schlecht, – du aber lebst weiter. Doch für Muslime und Musliminnen ist es mittlerweile tägliche Realität. Wie steht es um die Zukunft der Muslime und Musliminnen in Indien, wenn sie psychisch angegriffen werden, indem sie als Verschwörer/-in, Terrorist/-in, illegale Migrant(inn)en, Randalierer/-inne und Steinewerfer/-innen gebrandmarkt werden?“

Schikane gegenüber Muslim(inn)en

Man kann mit Sicherheit sagen, dass unter den Opfern kommunaler Gewalt, also der Gewalt auf der Basis religiöser Identitätspolitik, die Mehrheit Muslime und Musliminnen sind. Auch Gefängnisinsassen sind überwiegend Muslime und Musliminnen. In letzter Zeit werden darüber hinaus muslimische Menschenrechtsaktivist(inn)en, die zu friedlichen Protesten aufrufen, inhaftiert. Die meisten von ihnen haben jedoch nicht dasselbe Glück wie Muhammad Zubair, der Mitbegründer von AltNews, auf Kaution frei zu kommen.

In diesem Licht mag man sich an Schlussfolgerungen und Berichte verschiedener Ausschüsse und Kommissionen erinnern (Gopal Singh Commission, Rangnath Mishra Commission und Sachar Committee), die uns den wirtschaftlichen und sozialen Status von Muslim(inn)en aufzeigen, die auf der sozialen Pyramide immer weiter nach unten rutschen. Und jetzt will man uns auch noch glauben machen, dass die Phobie gegenüber der BJP von den Oppositionsparteien zu verantworten sei.

Dies ist der Hintergrund, vor dem Premierminister Modi seinen Parteimitgliedern riet, Aufklärungskampagnen (Sneh Yatras) zu starten, um Pasmanda-Muslime und Musliminnen zu umwerben. Pasmanda sind Angehöre der Muslime aus Dalit- und Stammesgemeinschaften oder rückständigen Klassen. Warum tut Modi das? Hauptsächlich könnte er darauf abzielen, einen Teil der Muslime und Musliminnen für die BJP zu gewinnen, um die muslimische Gemeinschaft entlang von Kasten- und wirtschaftlichen Grenzen zu spalten. Die RSS, radikal-hinduistische Kaderorganisation, die nach dem Vorbild von Benito Mussolinis Partei gebildet wurde, hat bereits muslimische Untergruppen gegründet, um sie durch Propaganda und die Idee einer gemeinsamen Herkunft und Abstammung zu gewinnen. Dabei erklärt die RSS, dass der muslimische Glaube ihre Nationalität schließlich nicht geändert habe.

Pasmanda-Muslime

Pasmanda ist ein persisches Wort und bedeutet so viel wie „zurückgelassen“. Der Begriff Pasmanda ist eigentlich religions- und kastenneutral. Er beinhaltet gelistete Kasten und Stammesgemeinschaften sowie rückständige Klassen. Unter den Muslim(inn)en gibt es weitere soziale Abstufungen: Ashrafs, die ihre Abstammung vom Propheten beanspruchen, Ajlaf, das Äquivalent zu rückständigen Klassen (Other Backward Classes, OBC) und Arzal, Angehörige der niedrigsten Kasten. Wie im indischen Christentum ist es paradox, dass viele aus den unteren Kasten in Indien zum Islam konvertiert sind, um der Tyrannei des traditionellen Kastensystems zu entkommen und zugleich selbst die Kastenzugehörigkeit perpetuieren. Doch die Kaste ist ein so tiefsitzendes Phänomen, dass sie Islam, Christentum und andere Religionen in Indien beeinflusst hat.

Insgesamt wird der Begriff Pasmanda überwiegend für Muslime und Musliminnen niedriger Kaste verwendet, die aus affirmativen Maßnahmen ausgeschlossen wurden und bei den Empfehlungen der Mandal-Kommission keine Berücksichtigung fanden. Die Mandal-Kommission für sozial Schwache wurde 1979 von der BJP mit dem Auftrag gegründet, „die sozial oder bildungsmäßig rückständigen Klassen“ Indiens zu identifizieren. Basierend auf dem Bericht der Mandal-Kommission wurde eine Reservierungsquote von 27 Prozent für rückständige Klassen (OBC) eingeführt. Davon stammten 79 Kasten aus der muslimischen Gemeinschaft – fast alle gehörten der Pasmanda-Gemeinschaft an. 15 Prozent der Muslime und Musliminnen gelten als Oberschicht oder Ashrafs.

Die Kasten innerhalb der Pasmanda-Muslime werden im Allgemeinen durch ihren Beruf bestimmt. Zu den Pasmandas gehören Malik (Speiseölproduktion), Momin Ansar (Weberei), Qureshi (Metzgerei), Salmani (Barbiere) und Hawari (Wäscherei).

Positive Diskriminierung

Während die Mandal-Kommission vielen muslimischen Gemeinschaften den Status von rückständigen Klassen (OBC) verlieh, wurden einige nicht in diese Kategorie aufgenommen, zu der sie eigentlich gehören. Sie haben damit keinen Zugang zu den für sie notwendigen Sozialprogrammen und Quoten.

Pasmanda-Gruppen haben versucht, sich zu organisieren, um auf die Verbesserung ihrer wirtschaftlich-sozialen Situation zu drängen. Ali Anwar, der Gründer einer Pasmanda-Gruppe, konstatiert: „Wir verurteilen die herablassende Aussage des Premierministers … die Pasmanda-Muslime und Musliminnen bräuchten ‚sneh‘ – das bedeutet, dass sie in seinen Augen ein unterlegener Haufen sind, der die Unterstützung der Überlegenen benötigt … Unser Kampf richtet sich nicht gegen eine Kaste, einen Glauben oder eine Gemeinschaft. Wir fordern von Regierung und politischen Eliten unseren Anteil, weil er unserer Bevölkerung zusteht, damit wir mit dem Rest der Gesellschaft mithalten können und gleichberechtigt werden.“

Sneh Yatra ist in Ordnung. Aber was dringender benötigt wird, ist ein Ende der Hasskampagnen gegen die muslimischen Gemeinschaften und der Beginn einer positiven Diskriminierung zum Vorteil der schwächeren Teile der muslimischen Bevölkerung.

Aus dem Englischen übersetzt von Ludwig Penna

Zum Autor
Ram Puniyani setzt sich aktiv für Menschenrechte und gegen hinduistischen Fundamentalismus ein. Er ist Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Gesellschafts- und Säkularismusstudien (CSSS). Bis 2004 war er leitender Mediziner des Indian Institute of Technology in Mumbai.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner