Die Ernennung Ani Drölma Chöyings zur Vizevorsitzenden des Lumbini Development Trusts führt wegen ungeklärter Korruptionsvorwürfe zu öffentlichen Protesten.
Hat ein Star der Unterhaltungsbranche Ärger mit den Finanzbehörden, ist das in der Regel Futter für die Klatschpresse. Die Kontroverse um Ani Drölma Chöying ist jedoch politisch, weil es um ihre Erhebung in ein öffentliches Amt und, aktuell zumindest, besonders verwerfliche Vorwürfe geht: Verletzung des Staatsbürgerschaftsrechts und Korruption, in diesem Fall Geldwäsche.
Drölma Chöying
Es ist eine Aschenputtel-Geschichte, wie sie nicht nur, aber besonders die westlichen Medien lieben, um so mehr, als es sich um eine Frau aus dem tibetanisch-buddhistischen Kulturkreis handelt. Geboren wurde sie am 4. Juni 1971 als Tochter tibetischer Flüchtlinge in Kathmandu. Im Alter von 13 Jahren floh sie in das Kloster Nagi Gompa und legte die Gelübde einer Ani, einer tibetisch-buddhistischen Nonne ab. In ihrer 2009 erschienen Autobiographie beschreibt sie es so: vor ihrem gewalttätigen Vater und der Absicht der Familie, sie früh zu verheiraten.
Im Kloster wurde ihr Gesangstalent erkannt und gefördert. Ein Glücksfall war ihre Entdeckung durch den amerikanischen Musiker Steve Tibbetts, der zu ihrem Gesang Begleitmusik komponierte. Sie gingen auf gemeinsame US-Tournee , ohne sich viel davon zu versprechen. Der bescheidene Erfolg reichte aber aus, um Chöyings Karriere in Nepal einen fulminanten Anschub zu verleihen, zeitweise war sie einer der größten Musikstars des Landes. Der kommerzielle Erfolg als Sängerin verschaffte ihr, benachteiligt als Frau und als Mitglied einer in Nepal bis heute kaum angesehenen Bevölkerungsgruppe, auch den sozialen Aufstieg. Sie gründete, förderte und leitete mehrere NGOs und wurde auserwählt, den Dalai Lama auf Auslandsreisen zu begleiten. Ihre Autobiographie Phoolko Aankhamaa (Im Auge der Blume) erschien 2008, ein Jahr später auf Deutsch als „Ich singe für die Freiheit“.
Der Lumbini Development Trust (LDT)
Lumbini, unmittelbar an der Grenze zu Indien gelegen, gilt als der Geburtsort des historischen Buddha, wurde aber lange seiner Bedeutung im Vergleich zu anderen religiösen Zentren wie Benares, Mekka oder Rom nicht im Geringsten gerecht. Mitte der 1980er Jahre sollte sich das endlich ändern und das verschlafene, fast vergessene Dorf zu einem ebenbürtigen Pilgerzentrum entwickelt werden. 1985 wurde der Lumbini Development Trust gegründet, der Lumbini Entwicklungsfonds, eine staatliche Gesellschaft. Wiederum geschah Jahrzehnte nichts, wie immer, wenn die Regierung in Nepal allein die Zügel in der Hand behält, wie man versucht ist zu sagen. Doch seit einigen Jahren herrscht Goldgräberstimmung. Regierungen buddhistischer Nationen zeigen großes Interesse, genauso private Investoren. Der LDT bewältigt große eigene Summen und entscheidet über noch größere. Wer in den Aufsichtsrat oder Vorstand berufen wird, sitzt direkt an den Fleischtöpfen. Nun wurde, nachdem sie fünf Monate verwaist war, die Stelle des/r Zweiten Vorsitzenden mit Chöying besetzt. Sie erhielt den Vorzug vor über 100 Mitbewerbern und Mitbewerberinnen.
Die Vorwürfe
Chöyings Rechtsschwierigkeiten liegen lange zurück. Typisch ist , dass sie in westlichen Medien nie rezipiert, in Nepal versandeten und nie abschließend geklärt wurden. Doch das erweist sich jetzt als Bumerang. Ihre Ernennung zur Vizevorsitzenden des LDT stößt auf heftigen Widerstand. Auf der Straße und in den Sozialen Medien werden die alten Vorwürfe wieder ausgegraben, ob nun aus Neid oder tatsächlicher moralischer Empörung. Ihre Probleme mit der Einwohnerbehörde reichen bis ins Jahr 1989 zurück, als sie ihre nepalesische Staatsbürgerschaft aufgrund eines nepalesischen Elternteils, in diesem Fall ihres Vater, beantragte und erhielt. Jahre später meldete ein Sohn dieses Mannes (da war dieser schon verstorben) und behauptete, nie eine Schwester gehabt zu haben. Sehr kontrovers wurde die Sache, als Chöying in ihrer Autobiographie schrieb, ihre Eltern seien beide Flüchtlinge aus Tibet. Die Einwohnerbehörde klärte das nie auf.
Die Vorwürfe der Geldwäsche stammen von 2018, als über 1,5 Millionen US-Dollar von einer Bank in Hongkong auf ihrem Konto in Kathmandu eingingen und sie die Finanzbehörden nicht, wie rechtlich vorgesehen, informierte. Das Geld wurde „eingefroren“ und eine Untersuchung veranlasst. So steht der Fall bis heute. Er ist nicht abgeschlossen – ein echtes juristisches Problem, denn offiziell besteht noch immer der Verdacht der Geldwäsche.
Ein anderes Klima – oder doch nicht?
Ani Chöying Drölmas Fall ist symptomatisch für den neuen Wind, der seit der Revolution der Sozialen Medien durch das Land weht. Niemand ist mehr vor Shitstorms sicher, auch nicht die populärsten Musikstars. Deren Dilemma wiederum ist, nun für Praktiken an den Pranger gestellt zu werden, die zum Tatzeitpunkt gesellschaftlich akzeptiert waren. Die Regierung Balen Shah trat allerdings explizit mit dem Anspruch an, solche Praktiken zu beenden, wenngleich die Praxis noch nicht entschieden anders ist. So hatte der Parteivorsitzende Rabi Lamichhane Probleme mit der Staatsbürgerschaft und war in den Skandal um die Genossenschaftsbanken verstrickt, die ihn sogar ins Gefängnis brachte. Seit seiner Beteiligung an der Machtübernahme scheint die Sache vergessen. Oder ein anderes Beispiel: Der amtierende Innenminister Sudhan Gurung, dem ebenfalls ungeklärte Korruptionsvorwürfe anhaften. Natürlich gilt für die „Singende Nonne“ die Unschuldsvermutung, und die Behörden zeigen keine Absicht, die Vorwürfe endgültig aufzuklären. Zuletzt schien sie sicher, den neuen Posten zu behalten. Wie sie allerdings überhaupt in die engere Auswahl gelangte, obwohl sie eigentlich keinerlei Qualifikation dafür hat, ist (manchen) ein Rätsel.
M.S.
Texthinweise
https://de.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%B6ying_Dr%C3%B6lma
https://english.nepalnews.com/s/explainers/everything-you-need-to-know-about-ani-choying-drolmas-controversial-lumbini-appointment/
https://kathmandupost.com/province-no-5/2026/10/25/in-the-buddha-s-birthplace-a-famous-nun-s-appointment-draws-fire
https://kathmandupost.com/national/2026/10/29/ani-choying-s-new-role-brings-old-controversies-to-the-fore
https://en.wikipedia.org/wiki/Lumbini_Development_Trust






