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Eine Woche nach der Flut: Tragödie an der Grenze zwischen Nepal und Tibet

Videos der Katastrophe gingen in Endlosschlaufen um die Welt. Am 26. August 2026 traf eine furchtbare Flutwelle vor allem den Norden Nepals und das Grenzgebiet zu Tibet. Besonders schwer betroffen sind Rasuwa und die Täler entlang des Bhote Koshi und Trishuli sowie auf tibetischer Seite der Gyirong- beziehungsweise Kerung-Korridor. Eine gewaltige Masse aus Wasser, Eis, Schlamm, Fels und Geröll raste durch die Täler, zerstörte Dörfer, Straßen und Brücken und traf auch mehrere Wasserkraftprojekte. Als Auslöser gilt nach gegenwärtigem Kenntnisstand der Kollaps beziehungsweise eine Lawine aus Eis und Gestein im Hochgebirge, die eine katastrophale Flutwelle auslöste.¹

Die Opferzahlen sind seit den ersten Meldungen dramatisch gestiegen und bleiben weiterhin vorläufig. Anfangs war von einigen Dutzend, dann von mehreren hundert Toten die Rede. Inzwischen sind mehr als 1.100 Todesopfer bestätigt – allein in Nepal, während die chinesischen Behörden für Tibet bislang 16 Tote angegeben haben. Zugleich werden weiterhin mehrere Tausend Menschen vermisst. Tausende Soldaten, Polizisten und Rettungskräfte suchen weiter nach Überlebenden und bergen Tote aus Schlamm und Geröll. Ein zusätzliches Problem ist die Identifizierung der Opfer. Hunderte Leichen konnten zunächst nicht identifiziert werden; Angehörige von Vermissten werden deshalb um Fotos und DNA-Proben gebeten.

Besonders erschütternd ist die Lage an den zahlreichen Wasserkraftwerken und Wasserkraftprojekten entlang der Flüsse. Gerade die Täler, die von der Flut getroffen wurden, gehören zu den wichtigsten Ausbaugebieten der nepalesischen Wasserkraft. Nach Angaben des Verbands der privaten Stromproduzenten waren zeitweise mehr als 900 Beschäftigte von rund einem Dutzend Wasserkraftprojekten nicht erreichbar. Besonders betroffen ist das im Bau befindliche 216-MW-Projekt Upper Trishuli-1, bei dem allein mehrere hundert Arbeiter als vermisst gemeldet wurden. Auch Upper Trishuli-3B und das Rasuwagadhi-Wasserkraftwerk wurden schwer getroffen. Insgesamt wurden mindestens 13 Wasserkraftanlagen beziehungsweise Projekte mit einer Leistung von zusammen mehr als 675 MW beschädigt.

Die Suche konzentriert sich inzwischen besonders auf die Tunnel der im Bau befindlichen Kraftwerke. Mehrere hundert Arbeiter könnten sich beim Eintreffen der Flut in die Tunnel zurückgezogen haben oder dort von Schlamm und Geröll eingeschlossen worden sein. Rettungskräfte haben versucht, über Rohre Luft in verschüttete Tunnel zu pumpen und Kameras einzuführen. In einzelnen Anlagen konnten Arbeiter lebend gerettet werden. Dennoch besteht zumindest an einigen Stellen noch Hoffnung, Überlebende zu finden, weil in Teilen der Tunnelsysteme Luftzufuhr vorhanden sein könnte und möglicherweise auch Lebensmittelvorräte erreichbar sind. Spezialisten aus Nepal werden dabei inzwischen von indischen und chinesischen Tunnelrettungsteams unterstützt.

Auch Indien ist unmittelbar von der Katastrophe betroffen. Unter den Vermissten befinden sich zahlreiche indische Staatsbürger. Viele waren als Pilger zum Kailash und Mansarovar in Tibet unterwegs oder auf dem Rückweg. Die Angaben über ihre Zahl haben sich seit dem Unglück mehrfach verändert: Am ersten Tag wurden bereits mehr als hundert indische Pilger als vermisst gemeldet. Inzwischen spricht Neu-Delhi von mehreren hundert indischen Staatsbürgern beziehungsweise Menschen indischer Herkunft, zu denen zeitweise kein Kontakt bestand. Gleichzeitig konnten inzwischen mehr als 160 indische Staatsbürger gerettet werden. Indien hat Nepal neben Hilfsgütern und Medikamenten auch spezialisierte Rettungs- und Forensikteams zur Verfügung gestellt.

Auch Deutschland beteiligt sich an der internationalen Hilfe – zumindest ein wenig. Die Bundesregierung unterstützt Nepal vor allem über internationale Nothilfefonds und beteiligt sich maßgeblich an der EU-Soforthilfe von zwei Millionen Euro. Deutsche Hilfsorganisationen wie Welthungerhilfe, Diakonie Katastrophenhilfe und Humedica leisten zudem über lokale Partner Nothilfe. Nachdem Nepal inzwischen auch spezialisierte internationale Unterstützung angefordert hat, prüft die Bundesregierung die Bereitstellung von DNA-Testmaterial, Kühltechnik und weiterer Ausrüstung zur Identifizierung der zahlreichen Todesopfer.

Die Katastrophe macht zugleich deutlich, dass es verschiedene Kailash-Manasarovar-Routen gibt, die nicht miteinander verwechselt werden sollten. Die besonders schwer betroffene Route führt über Nepal und den Grenzübergang Rasuwagadhi/Gyirong nach Tibet. Sie führt nicht über den Lipulekh-Pass (vgl. den vor einigen Tagen hier erschienenen Artikel.

Die letzte Gruppe von 44 Pilgern kehrte am Morgen des 23. August über den Lipulekh-Pass nach Indien zurück – nur drei Tage vor der großen Katastrophe an der nepalesisch-tibetischen Grenze.⁶ Allerdings war auch die indische Zufahrtsroute nach Lipulekh bereits durch die heftigen Monsunregen gefährdet. Die Straße zwischen Dharchula/Tawaghat und Lipulekh ist während des Monsuns ausgesprochen anfällig für Felsstürze und Erdrutsche. Die Schwierigkeiten dort sind somit Teil derselben großräumigen Instabilität des Himalaya während der Monsunzeit, aber nicht unmittelbare Folgen der Flutwelle vom 26. August im Rasuwa-Gyirong-Gebiet.

Noch ist zudem nicht in allen Einzelheiten geklärt, wie die außergewöhnliche Flutwelle entstanden ist. Die bisherigen Untersuchungen weisen auf einen Zusammenbruch großer Eis- und Gesteinsmassen im Hochgebirge hin. Damit rückt erneut die besondere Verwundbarkeit des Himalaya in den Mittelpunkt. Steigende Temperaturen verändern Gletscher und Permafrost, während Straßenbau, Tourismus und vor allem die intensive Nutzung der steilen Flusstäler für Wasserkraftanlagen immer mehr Menschen und Infrastruktur in potenziell gefährdete Gebiete bringen. Es wäre verfrüht, die Katastrophe allein auf den Klimawandel zurückzuführen. Doch sie zeigt in dramatischer Weise, wie klimatisch bedingte Veränderungen, die geologische Instabilität des jungen Hochgebirges und die immer dichtere infrastrukturelle Erschließung der Himalayatäler zusammenwirken und katastrophale Folgen haben können.

Der exzessive Ausbau von Wasserkraftwerken dürfte deshalb noch eine grundsätzliche Diskussion auslösen. Nepal verfügt über enorme Wasserkraftressourcen und setzt für seine wirtschaftliche Entwicklung und den Export von Elektrizität stark auf deren Ausbau. Schon heute ist Nepal ein Netto-Elektrizitätsexporteur. Doch die Flut vom 26. August zeigt die andere Seite der Medalje. Die Frage wird deshalb nicht nur sein, wie die zerstörten Anlagen wiederaufgebaut werden können, sondern auch, wie viel Infrastruktur diese zunehmend instabilen Himalayatäler überhaupt vertragen.

Doch die unmittelbarste Aufgabe ist nun die Suche nach den Vermissten. Eine Woche nach der Flut schwindet zwar die Hoffnung, Menschen unter meterhohen Geröll- und Schlammschichten lebend zu finden. In den Tunneln der Wasserkraftwerke besteht jedoch weiterhin eine kleine Chance. Für Tausende Familien in Nepal, Indien, Tibet und zahlreichen weiteren Ländern bedeutet dies, dass sie noch immer nicht wissen, ob ihre Angehörigen zu den Geretteten, den Toten oder den weiterhin Vermissten gehören.

Heinz Werner Wessler

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