Im August 2021 schockierten die Taliban die Welt mit ihrer raschen Rückeroberung Afghanistans. Die Taliban vertrieben die von Washington gestützte damalige Regierung mit unglaublicher Geschwindigkeit aus Kabul. Ihr Sieg beendete zwanzig Jahre Krieg. Das Land befindet sich jedoch in anderer Hinsicht in einer noch schlechteren Lage: extreme Armut, Frauen und Mädchen sind einer besonders schweren Unterdrückung ausgesetzt.
Die Taliban sind weltweit geächtet. Nach ihrer rasanten Rückkehr an die Macht setzten sie umgehend ihre rigide Auslegung des islamischen Rechts wieder durch, die praktisch jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens erstickt und insbesondere für Frauen und Mädchen besonders restriktiv auslegt. Mädchen ist der Zugang zu höherer Bildung verwehrt, Frauen die Ausübung der meisten Berufe verboten, und strenge Vorschriften beschneiden ihre Bewegungsfreiheit und Kleidung.
Nur wenige Länder erkennen die De-facto-Behörden Afghanistans an oder unterhalten bilaterale Beziehungen. Die meisten Taliban-Führer standen vor ihrer Rückkehr an die Macht unter internationalen Sanktionen. Diskussionen über eine Lockerung dieser Sanktionen oder die Freigabe afghanischer Vermögenswerte untergraben die Taliban selbst. Internationale Konzerne und Finanzinstitute wollen kein Risiko für ihre eigene Reputation eingehen und meiden das Land. Afghanistan bleibt faktisch von der Weltwirtschaft ausgeschlossen. Die UNO entwickelte eine Art Umgehungslösung, um den Afghan(inn)en trotz der Sanktionen Hilfe und grundlegende Dienstleistungen zukommen zu lassen. Doch dieses System erweist sich zunehmend als unzureichend, da die Mittel der Geberländer zurückgehen und der Bedarf Afghanistans angesichts wiederholter wirtschaftlicher und geopolitischer Krisen steigt.
Am schwerwiegendsten ist dabei der Konflikt mit Pakistan. Jahrelang gehörte Islamabad zu den wenigen Verbündeten der Taliban, doch mittlerweile sind sie zu Feinden geworden. Pakistan wirft den afghanischen Behörden vor, pakistanische Kämpfer zu beherbergen, die tödliche grenzüberschreitende Angriffe verüben – ein Vorwurf, den die Taliban zurückweisen. Gegenseitige Vergeltungsschläge haben die Länder an den Rand eines offenen Krieges gebracht. Grenzschließungen haben den Handel lahmgelegt. Als Strafmaßnahme schiebt die pakistanische Regierung Millionen afghanischer Flüchtlinge ab. Der Zustrom dieser Flüchtlinge sowie der Krieg im Nahen Osten belasten die ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft Afghanistans zusätzlich.
Auch im Inland wächst der Druck. Immer mehr Afghan(inn)en hadern mit der Politik der Taliban. Einige gehen in Städten aus Protest auf die Straße. Mitte Juli 2026 berichtete die International Crisis Group von einer Zunahme der Gewalt in der afghanischen Provinz Badakhshan, die auf Konflikte innerhalb der Taliban um Bodenschätze sowie auf Angriffe von Anti-Taliban-Gruppen wie der Afghanistan Freedom Front (AFF) zurückzuführen war. Die AFF übernahm kurzzeitig die Kontrolle über ein Bezirkszentrum in Badakhshan – damit hatten die Taliban zum ersten Mal seit 2021 Gebiete an Gegner verloren.
Dennoch haben die Taliban das Land fest im Griff und werden auf absehbare Zeit dessen wichtigster politischer Akteur bleiben. Externe Mächte können Afghanistan nicht einfach weiter unter Druck setzen in der Hoffnung, dass dies positive Veränderungen bewirke. Fünf Jahre Isolation haben die Notlage der einfachen Afghan(inn)en verschlimmert, ohne das Regieren der Taliban zu ändern.
Was also tun?
Als Afghanistan bereits von 1996 bis 2001 unter der Herrschaft der Taliban stand, hatte die Welt das Land weitgehend vergessen. Das sollte nicht noch einmal passieren. Ausländische Regierungen sollten bedenken, dass ihre Handlungen das afghanische Volk weitaus stärker betreffen als die Taliban. Humanitäre Zusammenarbeit, die den einfachen Afghan(inn)en hilft, muss Vorrang haben. Das bedeutet, dass externe Akteure ihre Bemühungen verstärken sollten, um die wirtschaftliche Not der am stärksten gefährdeten Menschen des Landes, darunter Frauen und Mädchen, zu lindern. Sie sollten humanitäre Hilfe und Unterstützung für den Lebensunterhalt leisten, insbesondere für Frauen im Bildungssektor und in von Frauen geführten Unternehmen (worüber International Crisis Group berichtet hat), und sich zudem an den von den Vereinten Nationen geleiteten Bemühungen zur Wiederbelebung des Privatsektors beteiligen.
International Crisis Group
Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Theodor Rathgeber
Texthinweis
https://www.linkedin.com/pulse/taliban-takeover-five-years-crisis-group-cdrje






