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Karachi am Boden?

Karachi, mit weit über 20 Millionen Einwohner(inne)n die mit Abstand größte und wirtschaftlich bedeutendste Stadt Pakistans, schneidet laut dem britischen Wirtschaftsmagazin The Economist im Punkt Lebensqualität im internationalen Vergleich ganz schlecht ab. Die Stadt rangiert in der jährlich aktualisierten Liste auf dem 170. Platz von 173 bewerteten Städten. Dahinter liegen nur Dhaka, Tripolis in Libyen und Damaskus. Davor platzieren sich unter anderem Harare, Lagos und selbst kriegsgeschädigte Städte wie Teheran und Kiew (nicht die einzigen Schwächen der Statistik). Die Liste richtet sich an die globale Wirtschaftselite, die als Expats [(Kurzform für Expatriates, im Ausland lebende und arbeitende Fachkräfte] oft einen Großteil der Karriere im Ausland verbringt. „Wo“ ist also durchaus erheblich, besonders Sicherheit und Stabilität (Kriminalität und Krieg) spielen eine Rolle, ebenso Aufstiegs-und  Verdienstoptionen.

Obwohl sie nicht zur Zielgruppe des Economist gehören, ist die Liste auch aufschlussreich für die Bewohner/-innen Karachis, wobei sich für die überwiegende Mehrheit das Bild nochmals verdüstert. Für sie sind, im Gegensatz zu den Expats, private Dienstleistungen – staatliche gibt es kaum – unerschwinglich. Hingegen kann sich die lokale Elite, die oberen zwei bis drei Prozent (auch als A/C Class betiteltvon air-conditioning) sehr wohl mit den Expats messen – und nimmt wie sie in der klimatisierten Blase die Realität der Straße kaum wahr. Für sie ist Karachi die City of Lights und auf dem Weg zu einer World Class City. Den Ellenbogencheck des Economist muss sie aber zur Kenntnis nehmen. Unbequeme und ungeschminkte Fakten sind für sie, Dank vieler Privilegien, eher ein kleines Problem. Für den Rest der Bevölkerung, auch die stark unter Druck stehende Mittelklasse, ist der Alltag im Betondschungel dagegen der wortwörtlich tägliche Kampf ums Überleben.

Laut Economist schneidet Karachi am besten bei der Bildung ab (75 von 100 möglichen Punkten). Das muss sich auf private Dienste und Einrichtungen beziehen, ebenso im Fall von Gesundheit (54/100). Die Infrastruktur ist mit 52/100 wohl zu hoch bewertet, das gilt noch mehr für Kultur & Umwelt mit 36/100. Und läge die Stadt nicht am Meer, wäre die Luft wie in Lahore kaum zu atmen. Schlusslicht in der Bewertung ist mit 20/100 die Stabilität. Aber dies entspricht meines Erachtens nicht mehr der Realität, denn im Vergleich zurzeit von 1990 bis 2015 ist die Stadt deutlich sicherer geworden – und dies nicht nur in den Gegenden, in denen sich die in-und ausländische Elite im Normalfall aufhält, sondern auch allgemein. Die Zeit der killing fields ist, abgesehen von der Polizeiwillkür, vorerst vorbei.

Im Gegensatz zur A/C Class macht sich der Mann/die Frau auf der Straße keine Illusionen vom Zustand der Stadt und trauert der Zeit hinterher, als Pakistan in den 1960ern ein Vorbild für andere Länder Asiens war und Karachi zu den führenden Städten gehörte. So wurde hier, und nicht etwa in Hongkong oder Tokio, der erste Wolkenkratzer Asiens erbaut. Die Stadt war – man kann es noch weniger glauben – das „Paris des Ostens“ und berühmt für ihr Nachtleben. Verschlimmbessert haben die Stadt alle, die in den vergangenen sechs Jahrzehnten in der Stadt, in der Provinz Sindh – zu der Karachi gehört – und in Islamabad am Steuer saßen. Sie alle hatten nur das Interesse ihrer eigenen Klientel, oder genauer gesagt, der Elite der Klientel im Blick. Das gilt nicht zuletzt für die PPP (Pakistan People’s Party), die als einzige Partei mit nationaler Bedeutung aus Sindh stammt und eigentlich die Fürsprecherin der ganzen Stadt hätte sein sollen. Dies gilt ebenso für die Parteien der mohajirs, der Flüchtlinge, die nach der Teilung aus Indien kamen und sich zum Großteil in Karachi niederließen.

In Pakistan hat Karachi trotz allem noch immer den besten Ruf als Stadt und wächst kräftig weiter, obwohl die Verfügbarkeit von Wasser und Land langsam zu Ende geht. In Karachi kann man der ländlichen Armut entfliehen. Wer als Habenichts eine Chance bekommen will, bekommt sie, wenn, dann in Karachi. Deshalb drängen weiterhin nicht nur Pakistanis aller Provinzen, sondern auch Afghan(inn)en, Bengalis und Rohingyas in die Stadt, deren absurd korrupte Führung nicht im Stande ist, den Zuzug zu drosseln oder wenigstens in geordnete Bahnen zu leiten. Dagegen finden Expats Karachi quasi unbewohnbar und nur wenige sind gezwungen, eine Zeit zu bleiben. Vorsicht ist aber für alle angesagt. Wie zur Warnung steht nahe des beliebten Stadtstrandes Clifton Beach am Arabischen Meer die Bauruine des Bahria Icon Tower des in Ungnade gefallen Baulöwen Riaz Malik. 300 Meter misst das höchste Gebäude des Landes. Der Rohbau ist fertig, doch seit 2021 bewegt sich nichts mehr. Die ersten Lettern an der Fassade fallen ab.

Der Economist platziert übrigens alle Städte Südasiens seiner Liste im unteren Fünftel, besonders Umwelt und Infrastruktur weisen große Defizite auf. Keine der Städte bekommt die katastrophalen ökologischen Probleme in den Griff – es geht buchstäblich um die Luft zum Atmen. Das ist der Unterschied zu den Metropolen Chinas, die bis vor 20 Jahren die gleichen Sorgen hatten, diese aber hinter sich ließen und nun kontinuierlich im Ranking des Global Liveability Index aufsteigen.

M.S.

 

 

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