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Kathmandu sagt Tibet-Konferenz ab – ein alarmierendes Signal

Es hätte ein wissenschaftliches Großereignis werden sollen. Vom 23. bis 29. August 2026 sollte in Kathmandu die Konferenz der International Association for Tibetan Studies (IATS) stattfinden – die weltweit wichtigste Tagung der Tibetforschung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fast vierzig Ländern hatten ihre Teilnahme zugesagt. Gastgeber war das Himalaya Centre for Asian Studies der Kathmandu University. Doch wenige Wochen vor Beginn wurde die Konferenz auf Verlangen der nepalesischen Regierung abgesagt. Eine offizielle Begründung blieb aus.

Die Entscheidung ist weit mehr als eine organisatorische Panne. Sie ist ein deutliches Signal für den schwindenden Handlungsspielraum akademischer Freiheit in Nepal und für den wachsenden Einfluss Chinas auf die Innen- und Außenpolitik des Himalaya-Staates.

Nach Angaben der Organisatoren wurden sie von hochrangigen Regierungsvertretern aufgefordert, die Tagung nicht stattfinden zu lassen. Professor Sagar Raj Sharma bestätigte öffentlich, dass die Universität der Aufforderung Folge leisten musste. Warum genau die Konferenz untersagt wurde, wurde nicht deutlich erklärt. Doch der politische Hintergrund liegt auf der Hand. Nepal verfolgt seit Jahren eine Politik, die jede Aktivität unterbindet, die in Peking als Unterstützung der tibetischen Sache verstanden werden könnte.

Besonders bemerkenswert ist, dass es sich gerade nicht um eine politische Demonstration handelte. Die IATS ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Ihre Konferenzen widmen sich tibetischer Geschichte, Sprache, Religion, Literatur, Kunst, Medizin und Kultur. Gerade Kathmandu, jahrhundertelang ein Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen Tibet, Nepal und Indien, wäre ein symbolisch besonders geeigneter Tagungsort gewesen.

Medienberichte aus Nepal zeichnen inzwischen ein noch brisanteres Bild. Demnach hatten die Sicherheitsbehörden keine Einwände gegen die Durchführung der Konferenz erhoben, und der Innenminister hatte zunächst öffentlich erklärt, die Veranstaltung könne stattfinden. Erst später soll die Entscheidung auf höchster Regierungsebene rückgängig gemacht worden sein. Mehrere Berichte sprechen ausdrücklich von diplomatischem Druck aus China. Die Regierung hat diese Darstellung bisher weder bestätigt noch überzeugend widerlegt.

Für die internationale Tibetforschung ist die Absage ein schwerer Rückschlag. Tibetologie gehört zu den klassischen geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit einer mehr als hundertjährigen Forschungstradition. Ihre Fragestellungen reichen von buddhistischen Handschriften über Sprachgeschichte bis zur Sozial- und Umweltgeschichte des Himalaya. Gerade weil Tibet heute politisch so sensibel ist, sind internationale wissenschaftliche Begegnungen von besonderer Bedeutung. Wenn selbst eine rein akademische Konferenz nicht mehr stattfinden darf, entsteht unweigerlich der Eindruck, dass politische Rücksichtnahmen zunehmend auch den wissenschaftlichen Austausch bestimmen.

Für Nepal ist die Entscheidung ebenfalls problematisch. Das Land hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Brücke zwischen Südasien und dem tibetischen Kulturraum verstanden. Zahlreiche tibetische Flüchtlinge leben seit Jahrzehnten in Nepal, buddhistische Klöster prägen vielerorts das kulturelle Leben, und Kathmandu war lange Zeit ein natürlicher Treffpunkt internationaler Tibetforscher. Heute kommen allerdings kaum noch Flüchtlinge, weil zum einen die Grenzen von chinesischer Seite sehr genau kontrolliert werden und weil Nepal aktiv Flüchtlinge abweist.

Selbstverständlich steht jeder souveräne Staat vor außenpolitischen Zwängen. Nepal ist wirtschaftlich und infrastrukturell in erheblichem Maße auf gute Beziehungen zu China angewiesen. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass auch wissenschaftliche Veranstaltungen geopolitischen Interessen untergeordnet werden müssen. Gerade Universitäten leben von internationalem Austausch, von kontroversen Debatten und von der Freiheit der Forschung.

Die Absage der IATS-Konferenz ist deshalb mehr als eine Episode der Tagespolitik. Sie wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie unabhängig können Universitäten noch arbeiten, wenn außenpolitische Interessen darüber entscheiden, welche wissenschaftlichen Themen überhaupt diskutiert werden dürfen? Diese Frage betrifft nicht nur Nepal oder die Tibetologie. Sie betrifft die Zukunft der akademischen Freiheit insgesamt.

Heinz Werner Wessler

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