Dhurbe ist der Name eines ungezähmten Elefantenbulle in freier Wildbahn, der laut örtlichen Quellen seit 2009 angeblich 25 Menschen getötet haben soll. Der rogue (eng.=Schurke) elephant durchstreift in der Regel den Chitwan Nationalpark im Flachland des Tarai an der Grenze zu Indien. Auf der Nahrungssuche verlässt er aber immer wieder sein gewohntes Habitat und stößt dann schnell auf Menschen, wie auch in der Nacht des 4.Juli. Irgendwann davor hatte der Einzelgänger den Rapti Fluss, die nördliche Grenze des Chitwan durchwatet und drang in den Weiler Belhatta der Gemeinde Jagatpur ein. Er attackierte ein Haus, von den Bewohner(inne)n wurden eine junge Frau und ihr kleiner Sohn getötet. Besonders tragisch: Schon 14 Jahre vorher hatte er zwei Mitglieder derselben Familie auf dem Gewissen. Sie verließ damals den Ort und floh vor der Gefahr nach Belhatta – um dort vom gleichen Albtraum heimgesucht zu werden.
Elefanten machen häufiger schlechte Erfahrungen mit Menschen, doch werden sie selten so gefährlich wie Dhurbe. Die Zusammenhänge in seinem Fall sich nicht zu ergründen. Gesichert ist, dass ihm nach den ersten Todesfällen ein Peilsender umgehängt wurde, der aber nur kurze Zeit funktionierte. Nach weiteren Opfern, angeblich 15 bis Ende 2012, wurde seine Tötung angeordnet. Das sollte die Armee erledigen, die das Tier dann aber, mehrfach angeschossen, entfliehen ließ. Das wird ihn geprägt haben. Später tötete er zwei Soldaten, die den Park gegen Wilderer sicherten. Einer von ihnen hieß Dhurbe … so kam der Elefant zu seinem Namen.
Längere Zeit wurde er nicht gesichtet, doch seit 2018 setzt er seine Angriffe fort. Er wurde auch mehrfach wieder betäubt und mit GPS-Sendern versehen. Er trug einen bei der letzten Attacke. Man wusste von seiner Präsenz in Jagatpur über mehrere Tage. Er wurde auch von Bewohner(inne)n gesichtet, die ihn wiedererkannten – er ist sozusagen ein regelmäßiger Besucher. Nach der tödlichen Attacke kam es zu Protesten von Dorfbewohner(inne)n und Angehörigen, Straßen wurden blockiert und wirkungsvolle Maßnahmen gefordert. Dhurbe final zur Strecke zu bringen, lehnt die Verwaltung des Parks jedoch ab. Stattdessen soll dem bedrohlichen Tier ein weiteres Halsband umgelegt werden, das verlässlich Daten in Echtzeit senden soll. So sollen die Kreise des aggressiven Dickhäuters auf den Park beschränkt werden.
Dhurbes Spur der Zerstörung ist Teil einer größtenteils ignorierten Tragödie. Nepal zahlt für den Schutz seiner bedrohten Tierarten einen Preis, der in Europa nicht in Frage käme. In den Gebirgszonen sind Todesfälle durch Wildtiere mittlerweile rar, doch im Tarai, speziell in der Nähe der Nationalparks, kommen jährlich im Schnitt 40 Menschen durch Elefanten, Nashörner, Tiger, Leoparden und Wildbüffel ums Leben. Problematisch ist im Tarai, der mit der indischen Region jenseits der Grenze zu den dichtesten besiedelten Landstrichen der Welt gehört, vor allem das Konzept der Pufferzonen – die es in Wahrheit nicht gibt.
Aus den Parks wurden die Bewohner/-innen evakuiert (entschädigungslos meistens), doch nun drängen sie sich in Dörfern in nächster Nähe der Parks. Aus manchen dieser Dörfer wurden Städte. Immer wieder ist in Zeitungen und in Sozialen Medien zu sehen, wie Nashörner am hellichten Tag mitten durch den Bazaar spazieren … eigentlich eine ganz riskante Situation. Die Wildnis geht unmittelbar in die semi-urbane Zersiedlung der Distrikte im Tarai über. Es gibt keine Auslauf- oder Pufferzone für die Tiere. Zudem leben die Evakuierten, fast ohne Ausnahme landlose Bauern und Bäuerinnen, zwar nicht mehr im Park, nutzen ihn aber weiter. Sie beweiden ihn mit Ziegen, schneiden Gras und Blätter fürs Vieh im Stall, sammeln Brennholz und wilde Früchte (und wildern gelegentlich). Diese Ausflüge sind besonders gefährlich.
Hingenommen werden die hohen Zahlen auch deswegen, weil die Opfer zu den am wenigsten entwickelten und ärmsten Gruppen Nepals gehören. Entweder sind es Dalits oder Adivasi, wie etwa Angehörige der Tharu, Raute und Bote (so die Opfer am 4. Juli). Diese Menschen haben keine Lobby, und es ist schiere wirtschaftliche Not, die sie auf Kollisionskurs mit der Tierwelt bringt. Welche Kompromisse der Mensch eingehen muss, damit er und die Natur im Einklang leben können, ist eine ethische Frage, auf die es bis jetzt – auch im Westen – keine Antwort gibt. Geht der Schutz der Menschen vor Tierschutz oder umgekehrt? Tatsache ist: In den Nationalparks nimmt die Anzahl mancher Arten Dank erfolgreicher Pflege zu – auch das treibt die Tiere in die Dörfer. In Deutschland, wo schon gestritten wird, wenn ein Wolf Schafe reißt oder dem Menschen nur nahe kommt, ist ein Fall Dhurbe völlig undenkbar. Man erinnere sich an den Bären Bruno, der sterben musste, ohne je einen Menschen attackiert zu haben.
Nachtrag: Nach Ortung und Betäubung erhielt Dhurbe am 15.Juli den vierten GPS-Sender.
M.S.
Texthinweise
https://kathmandupost.com/national/2026/07/16/notorious-killer-elephant-tracked-again-after-fatal-attacks-in-chitwan
https://kathmandupost.com/province-no-3/2026/07/06/dhurbe-the-rogue-elephant-that-followed-a-family-for-14-years
https://kathmandupost.com/editorial/2026/07/06/preventable-human-deaths-from-conflict-with-wildlife
https://en.wikipedia.org/wiki/Dhurbe
https://kathmandupost.com/national/2026/07/12/round-the-clock-operation-launched-to-capture-killer-elephant






