Skip to content Skip to footer

Südasiatische Perspektiven zum Welt-Muttersprache-Tag

 

Am 21. Februar begeht die Welt den Internationalen Tag der Muttersprache, ausgerufen von der UNESCO. Kaum eine Region ist mit diesem Datum so existentiell verbunden wie Südasien. Der Tag erinnert an die Sprachbewegung von 1952 in Dhaka, als vier oder fünf Studierende bei einer Demonstration für die Anerkennung des Bengalischen als Staatssprache im damaligen Ost-Pakistan ihr Leben verloren – ein Ereignis, das tief in die nationale Erinnerung von Bangladesch eingeschrieben ist. Doch jenseits der rituellen Gedenkfeiern wirft der Welt-Muttersprache-Tag unbequeme Fragen auf: Wer definiert, was „Muttersprache“ ist, was kann „Nationalsprache“ in Südasien bedeuten, welche Sprachen müssen geschützt und gefördert werden und wie verhält sich die Anglophonie zu nationaler Identität in der Region?
In Bangladesch ist Bengali (Bangla) identitätsstiftend. Es war die Sprache des Widerstands gegen die Dominanz von West-Pakistan und dessen Präferenz des Urdu von 1947 bis zur Unabhängigkeit 1971. Der Text der Nationalhymne ist übrigens von Rabindranath Tagore, der auch die indische Nationalhymne geschrieben hat. Heute jedoch steht Bangla selbst auch in der Kritik: Einerseits symbolisiert es Souveränität und steht für die Kulturnation Bangladesh, andererseits wirkt es homogenisierend gegenüber kleineren Sprachen wie Chakma, Marma oder Santali. Eine Sprache, die einst gegen sprachliche Unterdrückung kämpfte, steht nun selbst im Verdacht, Minderheitensprachen an den Rand zu drängen.
In Indien ist die Lage komplexer. Die indische Verfassung erkennt 22 sogenannte „Scheduled Languages“ an – darunter Hindi, Bengali, Tamil, Urdu, Marathi, Gujarati und viele andere. Doch Hindi nimmt eine besondere Stellung ein: Es ist als „official language of the Union“ festgeschrieben, neben Englisch, das weiterhin als assoziierte Amtssprache fungiert. Mahatma Gandhi hatte schon in seinem Buch „Hind Swaraj“ von 1909 gefordert, das Englische durch Hindustani (i.e. Hindi) als übergreifendes Kommunikationsmedium des zukünftigen freien Indien zu ersetzen – ein Programm, dass in Reden von Politikern aller Couleur bis heute aktuell ist, aber faktisch mehr oder weniger auf Eis gelegt ist. Wer es sich irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder auf englischsprachige Schulen – stets auf Kosten der Ausbildung in Hindi oder anderen einheimischen Sprachen.
Politisch gilt seit den 1960er Jahren die „Drei-Sprachen-Formel“: Im Bildungswesen im gesamten Indien soll in der offiziellen Sprache des Teilstaates, in Hindi und in Englisch ausgebildet werden. Dies wird je nach Region unterschiedlich umgesetzt, doch die Präferenz für Englisch ist nahezu unangreifbar. Während Hindi politisch gefördert wird, empfinden viele nicht-hindisprachige Regionen – etwa Tamil Nadu oder Bengalen – jede weitere Ausdehnung als kulturelle Dominanz. Gleichzeitig nimmt aber die Kenntnis von Hindi in Regionen nachweisbar zu, in denen Hindi nicht als Muttersprache vertreten ist. Dies ist aber wohl mehr ein Ergebnis der Hindi-sprachigen Medienpräsenz als der Schulausbildung.
Sri Lanka verstand sich nach der Unabhängigkeit von 1948 zunächst als zweisprachig mit Tamil und Singhali. Mit dem Official Language Act No. 33 of 1956 wurde Singhalesisch (Sinhala) zur alleinigen Amtssprache erklärt, was die Verfassung von 1978 zunächst zementierte. Der programmatische Ausschluss des Tamil war einer der Gründe für die gewaltsame Eskalation des tamilischen Widerstands im Norden der Insel. Erst durch das Indo-Lanka-Abkommen von 1987 und die 13. Verfassungsänderung wurde Tamil wieder als Amtssprache neben Sinhala anerkannt. Nach dem Ende des Bürgerkriegs 2011 wurde diese Regelung offiziell nicht abgeschafft, doch in der Praxis hat die Dominanz des Singhalesischen seitdem zugenommen. Wie überall in Südasien fungiert daneben aber Englisch als „link language“.
In Pakistan wiederum ist Urdu Nationalsprache, obwohl es die Muttersprache nur einer kleinen Minderheit ist. Punjabi, Sindhi, Pashto, Balochi oder Saraiki haben weit mehr Sprecher als Erstsprache. Insgesamt ist immer wieder von 72 Muttersprachen in Pakistan die Rede, manche davon mit politischen Identitätsprojekten aufgeladen, wie etwa Baluchi. Doch Urdu fungiert als Symbol nationaler Einheit und islamischer Identität und ist als Zweitsprache in Pakistan wohl noch mehr präsent als Hindi in Indien.
Die Trennung von Hindi und Urdu – sprachlich eng verwandt, kulturell tief verflochten – manifestierte sich im 19. Jahrhundert und wurde durch die Teilung von Indien und Pakistan 1947 verfestigt. Beide Staaten haben ihre jeweilige Standardsprache ideologisch aufgeladen, nicht nur symbolisch: Hindi wurde stärker sanskritisiert, Urdu (in Pakistan) stärker mit arabischen und persischen Lehnworten angereichert. Was einst ein plurales Kontinuum war, wurde zu zwei nationalen Projekten, wobei Urdu auch in Indien als eine der 22 Nationalsprachen durchaus weiter gepflegt wird. Anfang Februar richtete Delhi beispielsweise eine dritte „Welt-Urdu-Konferenz“ aus.
Während sich Hindi, Urdu und Bengali und auch die übrigen der Liste von 22 Nationalsprachen in Indien im Zentrum staatlicher Identitätsdiskurse bewegen, geraten andere Sprachen ins Abseits. In Südasien existieren hunderte indigene und regionale Idiome – viele davon moribund oder vom Aussterben bedroht: Adivasi-Sprachen in Zentral- und Ostindien, tibeto-birmanische Sprachen im Nordosten, kleine dravidische Sprachen, ebenso zahlreiche Minderheitensprachen in Pakistan und Bangladesch. Anvita Abbi, emeritierte Professorin für Linguistik an der Jawaharlal Nehru University in Delhi, setzt sich daher aktiv für eine Vier-Sprachen-Formel ein, die die kleineren Sprachen beleben und retten soll.

Interessant ist die Entwicklung der Sprachpolitik in Jharkhand, wo fünf Adivasi-Sprachen als „second official languages“ auf Distriktebene anerkannt sind (zusätzlich zu Hindi als Amtssprache des Bundesstaates), nämlich Santali, Mundari, Ho, Kurukh (Oraon) und Kharia. Grundlage ist die Sprachpolitik der Landesregierung nach dem Jharkhand Official Language Act in seiner erweiterten Fassung von 2011. An der Universität Ranchi wurde ein Zentrum für das Studium dieser Sprachen aufgebaut, wo die entsprechenden Lehrer ausgebildet werden.
Es wird allerdings auch in Jharkhand schwer bleiben, den Rückgang der Adivasi-Sprachen zu bremsen. Sprachliche Homogenisierung wirkt hier nicht nur durch staatliche Politik, sondern durch Migration, Urbanisierung, Medien und Bildungssysteme. Eltern entscheiden sich oft bewusst gegen die Weitergabe ihrer Minderheitensprache, weil sie ökonomische Nachteile befürchten. Sprache wird zur Investitionsfrage. So nimmt der Gebrauch von Hindi auch in Jharkhand ständig zu.
Über allem schwebt aber das Englische. Es ist die Sprache der Universitäten, der Justiz, der IT-Industrie, der internationalen Diplomatie. Überall in Südasien sichert Englisch sozialen Aufstieg. Gute Englischkenntnisse sind die wichtigste Grundlage für berufliche Karrieren. Daran wird auch die New Education Policy von 2021 in Indien wohl kaum etwas ändern, obwohl diese ausdrücklich die Bildungsreserve in allen 22 Nationalsprachen fördern will. Man mag zwar den Eindruck gewinnen, es habe sich in diesem Bereich etwas getan, wenn etwa die ein oder andere staatliche Eliteuniversität einen Ausbildungsgang in Hindi eröffnet oder wenn akademische Lehrbücher in regionalen Übersetzungen erscheinen. Das technische Terminologie darin ist aber weitgehend Englisch, das weiterhin die Referenzsprache bleibt.
Wenn Premierminister Narendra Modi in In- und Ausland seine Reden in Hindi hält, wird das zwar mit einer gewissen nationalistischen Genugtuung registriert, doch ob damit Einstellungen und private Entscheidungen etwa bei der Wahl der Schule für die Kinder beeinflusst werden, ist zweifelhaft. Die Jesuiten hatten in vergangenen Jahrzehnten ein hochqualifiziertes Schulwesen in Marathi im Staat Maharashtra aufzubauen versucht, das aber inzwischen auf Druck der Eltern mehr und mehr anglisiert wurde. Mit anderen Worten: Selbst mit besten Intentionen lässt sich der Wandel weg vom Englischen nur schwer praktizieren.
Als Verwaltungs- und Prestigesprache der Mogulzeit war bis ins 19. Jahrhundert hinein das Persische die Sprache der Macht. Es strukturierte es Machtverhältnisse, ohne Muttersprache der Mehrheit zu sein. Auch damals war Sprachkompetenz Zugang zu Hof, Karriere und Einfluss. Heute fungiert Englisch ähnlich – globalisiert, entterritorialisiert, aber sozial selektiv. Es verbindet Delhi, Lahore und Dhaka mit London, New York und Singapur, während es zugleich eine neue sprachlich symbolisierte Hierarchie innerhalb der Gesellschaft schafft bzw. weiter verfestigt. Der Welt-Muttersprache-Tag stellt daher für Südasien ein Paradox dar: Staaten feiern sprachliche Vielfalt, beschwören die nationale Identität in der einheimischen Nationalsprache während ihre Eliten Englisch favorisieren und ihre Bildungssysteme implizit und teilweise explizit monolinguale Karrieren belohnen.
Sprachliche Vielfalt bedeutet mehr als symbolische Anerkennung. Sie erfordert institutionelle Förderung, muttersprachliche Bildung, Medienpräsenz und vor allem die Bereitschaft, Mehrsprachigkeit nicht als Problem, sondern als Reichtum und Chance zu akzeptieren. Vielleicht ist der Weg, den Jharkhand hier gewählt hat, vorbildlich für den Rest der Region.
Südasien war historisch ein Raum überlappender sprachlicher Vielfalt – von Sanskrit, Prakrit und Persisch und Hindustani als lingua franca, über regionale und transregionale Dialekte bis zu kolonialen und postkolonialen Literaturen. Die Herausforderung der Gegenwart besteht darin, diese Polyphonie zu stärken und gleichzeitig für die komplexen Diskurse der Moderne zu öffnen. Sprachliche Welten dürfen sich nicht in musealisierten Nischen verschließen, wenn sie überleben sollen. Daran müssen nicht nur die betroffenen Gemeinschaften selbst arbeiten, es handelt sich auch um eine staatspolitische Aufgabe.
Vielleicht liegt die eigentliche Provokation des Welt-Muttersprache-Tages darin, dass er nicht nur im Verteidigungsmodus an die Stärkung von nationalsprachlichen Identitäten erinnern soll. Es muss um Verantwortung gegenüber den kleinen – jenen, die keine Nation hinter sich haben, sondern nur ihre Sprecher – und deren reichen Schatz von sprachlich codierten historischen Erfahrungen gehen. Diese Erfahrungen sind ein historisches Reservoir auch für die Gegenwart menschlicher Zivilisation als ganzer – man denke nur an das Verhältnis von Mensch und Natur in traditionellen Überlieferungen der Adivasis. Ein Reservoir, dass die Welt nicht missen kann, wenn es darum geht, die enormen zivilisatorischen Herausforderungen der Gegenwart zu meistern.

Heinz Werner Wessler

Cookie Consent mit Real Cookie Banner
0
WARENKORB
  • No products in the cart.