Der Überfall Russlands auf die Ukraine begann am 24. Februar 2022, vor genau vier Jahren. Schon bald begann die russische Seite, händeringend nach neuen Kandidaten für die Rekrutierung zu suchen. Die russische Rekrutierungspraxis beschränkte sich schon bald nicht mehr auf das eigene Staatsgebiet. Mit fortschreitender Dauer des Krieges gegen die Ukraine ist ein transnationaler Rekrutierungsraum entstanden – diffus, oft intransparent, rechtlich prekär. Besonders sichtbar wurde dies in Südasien.
Nach offiziellen Angaben der Regierung in Indien wurden über 200 indische Staatsbürger identifiziert, die in Einheiten der russischen Streitkräfte landeten. Mindestens 26 Inder kamen ums Leben, mehrere weitere gelten als vermisst. Die Dunkelziffer könnte viel höher sein. Die Rekrutierung erfolgte in vielen Fällen nicht über offene Militärwerbung, sondern über private Vermittler, die Arbeitsplätze in Russland – etwa als „Hilfskräfte“ oder „Sicherheitsdienst“ – versprachen. Einige der Betroffenen berichteten später, sie seien nach Vertragsunterzeichnung militärischen Einheiten zugeteilt worden. Hier zeigt sich eine neue Dimension moderner Kriegsführung: Der Arbeitsmarkt wird zum Vorfeld militärischer Mobilisierung.
Die indische Regierung intervenierte diplomatisch und forderte Moskau auf, betroffene Bürger freizustellen. Einzelne Rückführungen wurden öffentlich kommuniziert. Doch der strukturelle Hintergrund bleibt brisant: In Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und Migrationserfahrung sind Angebote aus dem Ausland attraktiv – selbst wenn sie in rechtliche Grauzonen führen.
Noch deutlicher tritt das Problem in Nepal hervor. Das Land hat eine lange Tradition militärischer Arbeitsmigration – etwa durch die Rekrutierung nepalesischer Gurkhas in ausländischen Armeen. Im russischen Kontext jedoch handelt es sich nicht um institutionalisierte, staatlich geregelte Verträge. Berichte sprechen von Hunderten bis möglicherweise mehreren Tausend Nepalesen, die sich seit 2023 russischen Einheiten angeschlossen haben. Offizielle Bestätigungen aus Kathmandu sprechen von deutlich niedrigeren Zahlen, doch Familienberichte, Vermisstenmeldungen und ukrainische Gefangenenlisten deuten auf ein erheblich größeres Ausmaß hin.
Mehrere Dutzend nepalesische Staatsbürger wurden nachweislich getötet – genaue Zahlen sind schwer zu verifizieren, da Moskau keine vollständigen Namenslisten veröffentlicht. Die nepalesische Regierung setzte zwischenzeitlich Arbeitsvisa für Russland aus und forderte Moskau zur Rückführung der Staatsbürger auf.
Anders als bei klassischen Söldnerverträgen scheint hier ein Gemisch aus wirtschaftlicher Verzweiflung, irreführender Werbung und militärischer Einbindung vorzuliegen. Für viele junge Männer aus ländlichen Regionen Nepals ist Arbeitsmigration eine ökonomische Notwendigkeit. Der Schritt von der Baustelle zur Frontlinie kann in diesem Kontext erschreckend kurz sein.
Neben Indien und Nepal tauchen auch Berichte über Rekrutierungen aus Sri Lanka, Zentralasien und afrikanischen Staaten auf. Untersuchungen europäischer Medien identifizierten zwischen Frühjahr 2023 und Frühjahr 2024 über 1.500 ausländische Staatsangehörige aus rund 48 Ländern, die über russische Rekrutierungszentren registriert wurden.
Im Gesamtbild bleibt ihr Anteil an den russischen Streitkräften gering im Vergleich zu den Hunderttausenden russischen Staatsbürgern, die seit 2022 mobilisiert oder vertraglich verpflichtet wurden. Doch symbolisch ist ihre Präsenz bedeutsam: Der Krieg ist nicht mehr ausschließlich eine nationale Angelegenheit, sondern greift in globale Migrationsströme ein.
Nach westlichen Schätzungen rekrutierte Russland allein im Jahr 2024 mehrere Hunderttausend neue Soldaten durch Vertragsprogramme, um hohe Verluste zu kompensieren. Gesamtverlustzahlen – also Getötete, Verwundete, Vermisste und Gefangene – werden von westlichen Geheimdiensten inzwischen im hohen sechsstelligen Bereich verortet. Unabhängige Medien konnten zehntausende russische Gefallene namentlich identifizieren, doch diese Zahl gilt als unvollständig. Vor diesem Hintergrund erscheinen einige hundert oder tausend ausländische Rekruten zahlenmäßig marginal. Politisch jedoch werfen sie grundlegende Fragen auf: Wie freiwillig ist ein Vertrag, wenn er auf irreführenden Versprechen beruht? Welche Verantwortung tragen Herkunftsstaaten, wenn ihre Bürger in fremde Kriege geraten? Und inwieweit wird wirtschaftliche Ungleichheit zu einem Instrument militärischer Personalbeschaffung?
Die Regierungen in Neu-Delhi und Kathmandu betonen, dass es sich um individuelle Entscheidungen ihrer Staatsbürger handle. Zugleich fordern sie konsularischen Schutz und Rückführungen. Russland wiederum spricht von regulären Vertragsverhältnissen. Doch jenseits juristischer Formeln bleibt eine moralische Frage: Wenn ökonomisch verwundbare Menschen aus strukturschwachen Regionen in einem geopolitischen Großkonflikt sterben, dann ist der Krieg nicht nur ein militärisches Ereignis, sondern ein soziales.
Drei Jahre nach Beginn der Invasion zeigt sich, dass moderne Kriege nicht nur durch nationale Mobilisierung geführt werden. Sie nutzen globale Ungleichheiten. Sie rekrutieren entlang von Arbeitsmigration, Schulden und Hoffnung. Die Zahlen aus Indien und Nepal sind im Verhältnis zu den russischen Gesamtverlusten klein. Aber sie markieren eine Verschiebung: Der Krieg in der Ukraine ist längst in Dörfern im Himalaya und in Kleinstädten Nordindiens angekommen – nicht als geopolitische Analyse, sondern als Traueranzeige.
Heinz Werner Wessler
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Eine gut recherchierte Dokumentation der Deutschen Welle zur Rekrutierung von Indern in die Russische Armee und in den Krieg in der Ukraine:






