Überall in Südasien laufen in dieser Jahreszeit die Air Conditioner auf Hochtouren, Rikschafahrer suchen erschöpft Schutz vor der sengenden Sonne, Bauarbeiter legen nasse Tücher um den Kopf, während das Thermometer in Teilen Indiens, Pakistans und Bangladeschs auf über 45 Grad steigt. Was früher als außergewöhnliches Wetterereignis galt, ist längst zur neuen Normalität geworden. Klimaforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass der menschengemachte Klimawandel solche Hitzewellen häufiger, länger und intensiver macht.
Doch der lang erwartete, ja sehnlich herbeigewünschte Südwestmonsun hat eingesetzt oder ist immerhin unterwegs. Wie jedes Jahr erlebt Südasien den Regen als Erlösung, wenn die Temperaturen um bis zu zehn Grad sinken, wenn auch das Schwitzen nicht aufhört angesichts der dann drastisch erhöhten Luftfeuchtigkeit. Mit ein paar Tagen Verspätung erreichte der diesjährige Monsun Kerala am 4. Juni. Danach stockte sein Vorankommen für rund zwei Wochen, unter anderem wegen ungünstiger atmosphärischer Bedingungen und des sich entwickelnden El Niño. Seit dem 22. Juni hat er allerdings wieder deutlich an Fahrt aufgenommen und ist inzwischen über weite Teile West-, Zentral- und Ostindiens vorgedrungen, wenn auch die Intensität deutlich unter dem langjährigen Mittel liegt. Die Menschen in Maharashtra dürfen aufatmen, inzwischen ebenso in Gujarat, Madhya Pradesh, Chhattisgarh und Jharkhand.
In Delhi gibt es – stand 25.6. – zwar einzelne Gewitter und kurze Regenfälle, doch auch hier stellen die Meteorologen ein Niederschlagsdefizit von rund 25 % fest. Der eigentliche Südwestmonsun ist noch nicht angekommen. Der offizielle Monsunbeginn wird normalerweise um den 27. Juni erwartet und dürfte sich in diesem Jahr leicht verzögern.
In Varanasi (Banaras) hat der Monsun die Region erreicht bzw. steht unmittelbar bevor. In Ost-Uttar Pradesh setzt der Übergang derzeit ein, allerdings sind die Niederschläge noch unregelmäßig. Nach einer längeren Hitzeperiode bringen erste Monsunschauer etwas Abkühlung, ohne dass sich bereits eine stabile Regenperiode eingestellt hat.
Der pakistanische Sommermonsun hat Lahore noch nicht voll erfasst. Lahore erlebt weiterhin sehr hohe Temperaturen (oft über 40 °C) mit einzelnen Gewittern. Die eigentliche Monsunphase beginnt dort gewöhnlich Anfang bis Mitte Juli, abhängig vom Verlauf des indischen Monsuns. In Dhaka hat der Monsun zum Glück begonnen. Es fallen bereits regelmäßige kräftige Niederschläge mit hoher Luftfeuchtigkeit, wie für diese Jahreszeit typisch.
Der Beginn des Monsuns hat zwar in vielen Regionen vorübergehend Erleichterung gebracht, doch der verspätete und ungleichmäßige Verlauf zeigt zugleich, wie anfällig Südasien inzwischen für klimatische Schwankungen geworden ist.
Die Mittelklasse igelt sich bei der größten Hitze und auch bei Beginn des Monsuns so lange es geht im eigenen Haus ein. Dabei ist die eigentliche Tragödie nicht nur die Hitze selbst, sondern die gesellschaftliche Reaktion auf sie. Die klimatischen Bedingungen in den indischen Großstädten haben sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verschlechtert. Das gilt insbesondere für die Zeit der größten Hitze vor dem Regen. Andere verweisen auf das Karma oder darauf, dass die Sommer schon immer heiß gewesen seien. Diese Haltung entlastet Regierungen von ihrer Verantwortung. Denn was als Naturgegebenheit akzeptiert wird, verlangt offenbar keine politischen Antworten.
Dabei ist die Hitze keineswegs das einzige Problem. Viele der am stärksten betroffenen Städte zählen zugleich zu den Orten mit der schlechtesten Luftqualität der Welt. Delhi, Lahore oder Dhaka kämpfen seit Jahren mit extremen Feinstaubwerten. Luftverschmutzung, das explosive Wachstum der Anzahl von Wärmetauschern und Hitze verstärken sich gegenseitig: Beton, Asphalt und Abgase verwandeln die Städte in riesige Wärmespeicher, während der Mangel an Grünflächen und Wasserflächen jede natürliche Kühlung erschwert. Die gesundheitlichen Folgen treffen vor allem jene Menschen, die ohnehin am wenigsten geschützt sind – Tagelöhner, Straßenverkäufer, Bauarbeiter und Bewohner informeller Siedlungen.
Paradoxerweise fällt diese Entwicklung in eine Zeit wachsenden Wohlstands. Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, Bangladesch hat bemerkenswerte wirtschaftliche Fortschritte erzielt, und auch Pakistan erlebt trotz seiner Krisen eine fortschreitende Urbanisierung mit einem starken Wachstum der Mittelklasse. Überall entstehen neue Autobahnen, Flughäfen, Wohnkomplexe und Einkaufszentren. Der private Autobesitz nimmt rasant zu, der Stromverbrauch steigt exponentiell, und Klimaanlagen gelten zunehmend als Symbol des sozialen Aufstiegs.
Gerade darin liegt jedoch ein grundlegender Widerspruch. Für diejenigen, die sich Klimaanlagen leisten können, wird die Hitze kurzfristig erträglicher. Gleichzeitig erhöht der steigende Energiebedarf den Verbrauch fossiler Brennstoffe, insbesondere von Kohle und Erdgas, und trägt damit langfristig zur weiteren Erwärmung bei. Indien und auch Pakistan treiben den Ausbau erneuerbarer Energien zwar voran, doch Kohle und Gas decken weiterhin den größten Teil der Stromerzeugung. Pakistan und Bangladesch sind noch mehr als Indien vom Import fossiler Energieträger abhängig. Die Folge ist ein Teufelskreis aus wachsender Hitze, steigendem Kühlungsbedarf und weiter steigenden Emissionen.
Alle Staaten Südasiens haben das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und nationale Klimaziele formuliert. Auf internationalen Konferenzen präsentieren sich ihre Regierungen als verantwortungsbewusste Partner im globalen Klimaschutz. Tatsächlich wurden insbesondere in Indien erhebliche Investitionen in Solar- und Windenergie vorgenommen. Gleichzeitig werden jedoch neue Kohlekraftwerke gebaut oder bestehende Anlagen länger betrieben, weil die wachsende Nachfrage nach Elektrizität kurzfristig kaum anders gedeckt werden kann. Der Ausbau klimafreundlicher Infrastruktur hält mit dem wirtschaftlichen Wachstum bislang nicht Schritt.
Noch deutlicher zeigt sich das Defizit bei der Anpassung an die unvermeidlichen Folgen des Klimawandels. Schatten spendende Stadtbäume verschwinden häufig zugunsten neuer und breiterer Straßen. Arbeitszeiten für Beschäftigte im Freien werden oft nicht an extreme Temperaturen angepasst. Warnsysteme vor extremer Hitze werden zwar entwickelt, erreichen aber die ärmsten Bevölkerungsschichten kaum, die sich nicht schützen können. Internationale Organisationen fordern deshalb seit Jahren eine engere Verbindung von Klimapolitik und öffentlicher Gesundheit.
Hinzu kommt eine politische Kultur, in der wirtschaftliches Wachstum weiterhin Vorrang vor ökologischer Nachhaltigkeit besitzt. Luftverschmutzung wird gemeinhin als unvermeidlicher Preis der Industrialisierung betrachtet, Klimaschutz nicht selten als Luxus, den sich die postkoloniale Welt nicht leisten kann und zu der sie moralisch auch weniger verpflichtet ist als die ehemaligen Kolonialmächte. Diese Argumentation greift zu kurz. Denn die größten Verlierer der Klimakrise sind nicht die wohlhabenden Mittelschichten mit ihren klimatisierten Wohnungen, sondern jene Menschen, die sich in Arbeit und Freizeit den menschenfeindlichen Außentemperaturen nicht entziehen können. Für sie bedeutet jede Hitzewelle zusätzliche Mühe, weniger Einkommen, mehr Krankheiten und ein höheres Sterberisiko.
Die Klimakrise in Südasien ist deshalb weit mehr als ein Umweltproblem. Sie ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit, der Stadtplanung, der öffentlichen Gesundheit und letztlich der politischen Verantwortung. Wirtschaftliches Wachstum allein wird die Region nicht schützen. Im Gegenteil: Wenn Wohlstand weiterhin vor allem mehr Verkehr, mehr Beton und mehr Energieverbrauch bedeutet, droht der wirtschaftliche Erfolg seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, die globale Erwärmung zu begrenzen. Ebenso wichtig ist ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel. Solange extreme Hitze, schlechte Luft und schwindende Lebensqualität als unvermeidliches Schicksal hingenommen werden, bleibt der politische Druck gering. Erst wenn Bürgerinnen und Bürger saubere Luft, schattige Städte und wirksame Klimaanpassung als Teil ihres Rechts auf ein menschenwürdiges Leben einfordern, werden die Regierungen gezwungen sein, ihrer Verantwortung nachzukommen. Die Hoffnung auf die erlösende Wirkung des Monsuns kann verantwortliche Klimapolitik nicht ersetzen. Sonst geht das Schwitzen nicht nur weiter, sondern wird von Jahr zu Jahr schlimmer.
Heinz Werner Wessler






