Der Lipulekh ist eine Passhöhe (5110m) im westlichen Himalaya, der früher das Dreiländereck von Indien, Nepal und China bildete. Nördlich von ihm liegt die Tibetische Autonome Region Chinas, das ist Konsens. Welches Land südlich wem zugehörig sein soll, dagegen nicht. Aktuell ist es Indien, doch Nepal beansprucht den Pass zur Hälfte (wie zu Anfang 1816). Für einige Zeit war die Frage unwichtig, weil China zu Beginn der Corona Pandemie den Pass sperrte. Doch seit diesem Sommer ist er wieder passierbar und die Reibereien zwischen Nepal und Indien flammen erneut auf.
Der unklare Grenzverlauf stammt aus der Zeit nach dem Friedensvertrag von Sugauli, der aufgrund der Niederlage des Königreichs Nepal im Krieg mit der britischen East India Company von 1814-16 geschlossen wurde. Nepal musste alle Territorien westlich des Mahakali abtreten. Die Grenze verläuft seitdem in der Mitte des Flusses. Der speist sich aus drei Quellen: im Westen der Kuthi, im Osten der Tinkar und dazwischen der Lipu. Der Lipu, an dessen Ende der Lipulekh sich erhebt, galt als wahrer Ursprung des Mahakali. Seine Mitte bildete also die Grenze und der Lipulekh war der Ort, an dem die drei Länder aufeinandertrafen. 1865 wurde die Grenze jedoch von den Briten von der Mitte des Lipu zu seiner östlichen Wasserscheide verschoben. Der Lipulekh liegt seitdem ganz auf (britisch) indischem Gebiet, der neue trilaterale Grenzpunkt wurde östlich der Tinkar Pass.
Die Grenzanpassung der Briten störte die Ranas, die ab 1846 das Zepter in Kathmandu schwangen, wenig, denn mittlerweile war man verbündet. Als die Briten im großen indischen Aufstand 1857 ums Überleben kämpften, kamen ihnen die Nepalis (damals die Gorkhalis) unter Jang Bahadur, dem Gründer der Rana Dynastie, zu Hilfe. Als Dank bekam Nepal 1860 das in Sugauli verlorene Territorium der heutigen Distrikte Banke, Bardiya, Kailali und Kanchanpur zurück – ein großes Filetstück wertvolles Land im westlichen Terai. Fünf Jahre später verschoben die Briten die Grenze am Lipulekh. Sollte wegen diesem kleinen, armseligen Tal im hintersten Winkel ein Eklat mit den Briten riskiert werden, die sich kurz davor so großzügig gezeigt hatten? Wichtig war der Pass nur für Pilger als direkter Zugang zum heiligen Mount Kailash und Manasarovar See. Von damals bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hielt diese relative Bedeutungslosigkeit an.
Indiens Unabhängigkeit änderte daran vorerst nichts. Delhi und Kathmandu vereinbarten offene Grenzen, Nepalis konnten wie zu Zeiten der Briten den Lipulekh nutzen. 1956 öffnete Indien am Ufer des Lipu an einem Ort namens Kalapani einen Kontrollposten, dessen Name 40 Jahre später berühmt-berüchtigt wurde. Zunächst gingen die Beziehungen zwischen Indien und China auf Talfahrt, 1962 kam es zum Krieg, den Indien verlor. Pass und Grenze wurden dicht gemacht. Nepalis nutzten fortan den Tinkar Pass auf ihrem Territorium für Pilgerfahrten und Handel.
Die Kalapani-Affäre begann Anfang der 1990er Jahre, als sich Indien und China wieder annäherten und die Grenzen öffneten. Das Problem war nur, dass Nepalis, trotz der 1950 mit Indien vereinbarten Reisefreiheit, keinen Zutritt zum Lipulekh bekamen. 1996 war dann die ganze Grenze entlang des Mahakali in aller Munde. Indien und Nepal konnten sich nicht auf seine gemeinsame Nutzung, den Bau von Wasserkraftwerken und Dämmen einigen. Eher zufällig wurde bekannt, dass in einem weit entlegenen, quasi vergessenen Ort namens Kalapani ein indischer Grenzposten (angeblich) auf Nepals Staatsgebiet stand.
Verkompliziert wird der Streit durch die komplexen Beziehungen. Nichts erregt die Gemüter in Kathmandu mehr als ein vermeintlicher Affront seitens Delhi. Wiederum ist Streit mit Indien für Politiker in Nepal das bevorzugte Mittel, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Wenn nichts mehr geht, beginnt das nationalistische Getöse. Gern gerierte sich der frühere Premier Sharma Oli als glühender Nationalist, wenn seine kommunistische Agenda mal wieder enttäuschte. Im Mai 2020 enthüllte er eine Karte Nepals, die seitdem viele Überlandbusse ziert: Im Nordwesten am Lipulekh stieß nun ein Horn förmlich hinein nach Indien, weil hier die westliche Quelle des Mahakali im Tal von Kuthi die Grenze war.
Theoretisch hätte Nepal vor einem Gericht gute Aussichten auf Erfolg. Definitiv ist der Lipu die Quelle des Mahakali, somit – wie vor 1865 – seine Mitte die Grenze zwischen Nepal und Indien, der Lipulekh die trilaterale Grenze. Gleichwohl ist Nepal ein Zwerg zwischen zwei Giganten.
M.S.
Karte: ©Parvat Subedi @wikimedia Commons (bearbeitet)
Texthinweise
https://en.wikipedia.org/wiki/Kalapani_territory
https://en.wikipedia.org/wiki/Lipulekh_Pass
https://kathmandupost.com/national/2026/08/05/india-china-begin-trade-through-lipulekh-pass-despite-nepal-s-territorial-objections






