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Der Rebell bleibt aktuell: Kazi Nazrul Islam zum 50. Todestag (29.8.2026)

Vor fünfzig Jahren, am 29. August 1976, starb Kazi Nazrul Islam in Dhaka. In Bangladesch, wo er als Nationaldichter verehrt wird und neben der Zentralmoschee der Universität Dhaka begraben liegt, gehört das Gedenken an ihn längst zum kulturellen Kalender. Nazrul ist hier ein Bengali-Klassiker, dessen Gedichte bei offiziellen Anlässen rezitiert und dessen Lieder, das Nazrul Sangeet, immer wieder neu interpretiert werden – auch im indischen Teil des seit 1947 geteilten Bengalen.

Nazrul, 1899 im heute zu Westbengalen gehörenden Churulia geboren, war Dichter, Journalist, Musiker, politischer Aktivist und – ein unruhiger Geist. Sein vielleicht berühmtestes Gedicht Bidrohi („Der Rebell“) von 1921 machte ihn zur Stimme des Aufbegehrens gegen jede Form von Unterwerfung. Die von ihm gegründete Zeitschrift Dhūmketu brachte ihn mit der britischen Kolonialmacht in Konflikt; er wurde verhaftet und schrieb im Gefängnis seine berühmte Rājbandīr Jabānbandī („Aussage eines politischen Gefangenen“) im Stil eines Plädoyers der Verteidigung. Die Bezeichnung Bidrohi Kobi (Rebellendichter) ist deshalb keineswegs nur eine literarische Etikettierung.

Nazrul entzieht sich eindeutigen Zuordnungen. Mit seiner muslimischen Herkunft schöpfte er mit großer Selbstverständlichkeit aus der islamischen Tradition. Er schrieb hamd und naʿt, Lieder zu Ramadan und Eid und erschloss der bengalischen Literatur in ungewöhnlichem Umfang persisch-arabisches Vokabular. Aufgewachsen in einem sunnitisch-muslimischen Milieu, griff er neben sunnitischen und sufistischen Traditionen auch auf schiitisch geprägte Motive und machte sie zu Bildern eines universalen Kampfes gegen Unterdrückung. Gleichzeitig schrieb er Śyāmā-Lieder an Kālī in der bengalischen Śākta-Tradition, in denen er die dunkle Göttin Kālī in der Sprache persönlicher Hingabe (bhakti) als göttliche Mutter anspricht. Diese Lieder werden bis heute vielfach von Hindus sogar bei Gottesdiensten gesungen. Kṛṣṇa und Karbalā, Kālī und ʿAlī Husain konnten Teil derselben poetischen Welt sein.

Gerade das macht ihn in einer Zeit zunehmender religiöser Polarisierung auf dem Subkontinent bemerkenswert aktuell. Nazruls Verhältnis von Islam und Hinduismus erschöpfte sich nicht in einer unverbindlichen Formel von „interreligiösem Dialog“. Stattdessen eignete er sich die religiösen Sprachen seiner Umwelt produktiv an. Religiöse Identitäten waren für ihn real, aber sie mussten keine unüberwindbaren Grenzen bilden. Scharf richtete er sowohl gegen muslimische als auch gegen hinduistische Formen religiöser Selbstabschließung.

Wie wenig selbstverständlich dies zu seiner Zeit war, zeigen die heftigen Angriffe, denen Nazrul von konservativ-muslimischer Seite ausgesetzt war. In Zeitschriftartikeln wurde ihm vorgeworfen, die Grenzen des Islam zu überschreiten. Er wurde sogar als kāfir (Ungläubiger) und als śaitān (Teufel) beschimpft. Besonders anstößig erschien seinen Kritikern die unbekümmerte Verwendung hinduistischer Göttergestalten und mythologischer Bilder in den Werken eines muslimischen Dichters. Ein Artikel in der Zeitschrift Muhammadī spottete 1929, er solle statt „Nazrul Islam“ besser „Nazrul Dashabhuja“ heißen – nach der zehnarmigen Gestalt der Göttin Durgā. Nazruls Reaktion darauf war ganz im Stil seiner Zeit: Ein Dichter müsse Hindus und Muslimen gleichermaßen gehören.

Seine Dichtung unterläuft gerade die Vorstellung, man müsse sich zwischen „hinduistisch“ und „muslimisch“ als voneinander getrennten kulturellen Welten entscheiden. Nazrul war nicht nur der Dichter der Rebellion, sondern auch der Dichter der Gleichheit – sāmya. In Gedichten wie Sāmyabādī überschreitet seine Kritik religiöse Grenzen und richtet sich gegen soziale Hierarchie, Ausbeutung und die Erniedrigung des Menschen. Armut kannte er nicht aus der Theorie. Seine eigene Biographie war von prekären Lebensverhältnissen, wechselnden Tätigkeiten und sozialem Aufstieg geprägt. Die gegenwärtige Nazrul-Forschung hebt deshalb zu Recht wieder stärker hervor, wie eng seine Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit miteinander verbunden sind.

Bemerkenswert modern ist auch Nazruls Beschäftigung mit der Stellung der Frau. Seine Kritik am Patriarchat war für seine Zeit ungewöhnlich unverblümt. In Nārī („Die Frau“) stellt er der männlich dominierten Geschichtsschreibung die Behauptung entgegen, dass an allem Großen und Wohltätigen, das die Menschheit hervorgebracht habe, Frauen und Männer gleichermaßen beteiligt seien. Auch hier geht es nicht um ein Nebenthema seines Werkes. Die Befreiung von kolonialer Herrschaft konnte für Nazrul nicht genügen, solange andere Formen gesellschaftlicher Unterdrückung bestehen blieben.

Das erklärt auch, warum sich Nazrul nicht ohne Weiteres zum ungefährlichen Nationaldichter domestizieren lässt. Bangladesch hat ihn nach der Unabhängigkeit zum Nationaldichter erhoben; seine Gedichte und Lieder hatten bereits während des Befreiungskrieges von 1971 große symbolische Bedeutung. Aber auch diese nationale Aneignung besitzt eine interessante Ambivalenz. Nazrul gehört zu beiden Seiten der 1947 gezogenen Grenze. Sein Geburtsort liegt im indischen Westbengalen, sein Grab in Dhaka. Er gehört zum kulturellen Gedächtnis Bangladeschs ebenso wie zur bengalischen Literatur Indiens, wobei er vor allem in Indien im Schatten des in Sachen Bengali-Literatur alles überragenden Rabindranath Tagore steht.

2026/27 wird in Bangladesch sogar ein offizielles „Nazrul-Jahr“ begangen. Das ist verdiente Anerkennung – birgt aber zugleich die Gefahr, aus einer provozierenden Stimme ein nationales Denkmal zu machen. Nazrul ernst zu nehmen hieße deshalb heute nicht nur, Bidrohi zu rezitieren und seine Lieder zu singen. Es hieße, seine unbequemen Fragen wieder zuzulassen: Was bedeutet religiöse Identität, wenn die religiöse Zugehörigkeit des anderen nicht als Bedrohung empfunden wird? Was bedeutet nationale Freiheit ohne soziale Gleichheit? Was bedeutet Frömmigkeit, wenn sie sich mit Hass verbindet? Und was ist eine politische Ordnung wert, wenn sie zwar im Namen des Volkes spricht, Widerspruch aber nicht erträgt?

Heinz Werner Wessler

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