Es gibt vielerlei Gründe, nach Indien zu reisen. Manche Ausländer kommen nach Indien, um etwas zu lernen. Andere kommen, um kleine Abenteuer zu erleben. Und vieles mehr. Und dann gibt es jene seltenen Exemplare, die nichts von all dem nötig haben, weil sie Indien längst verstanden haben. Zumindest wissen sie genau, wie man diesen Eindruck erweckt.
Einer von ihnen ist gelegentlich bei Hindi-Literaturfestivals anzutreffen. Sein Name spielt keine Rolle. Er könnte Michael, John, Francois oder Vladimir heißen. Ein Prototyp. Wichtig ist nur, dass er aus einem Land kommt, in dem Hindi ungefähr so verbreitet ist wie Sanskrit in einem schwedischen Supermarkt.
Sein Hindi kann durchaus aus einem durchaus beachtlichen Wortschatz bestehen, darunter allerlei Dialektales. Das verrät langjährige Erfahrung und eine interessante Biographie. Mit der Grammatik hapert es etwas, aber er weiß sich routiniert verständlich zu machen. In jedem Fall spricht er mit einer Begeisterung, die jeden grammatischen Einwand im Keim erstickt. „Maiṃ Bhārat ko bahut pyār kartā hai!“ (Ich lieben Indien sehr!“) kann er selbstbewusst ins Mikrofon rufen, und schon brandet Applaus auf wie bei einem besonders gelungenen Witz. Dass das Verb nicht zum Subjekt passt, stört praktisch niemanden. Wer wird hier schon kleinkariert herummosern? Schließlich hat hier ein Ausländer gesprochen. Und zwar Hindi!
Seine größte Entdeckung ist allerdings eine Formel, die immer wieder komplizierte gesellschaftliche Situationen entschärfen kann: „Jai Śrī Rām!“ (Sieg Rama!). Das sagt er zum Taxifahrer, zum Hotelportier, zum Universitätsrektor und zum Kellner, der ihm das Frühstück bringt. Die Reaktionen sind wohlwollend bis amüsiert, sogar ein wenig Begeisterung kommt auf. Eine Chuzpe wie bei einem Chinesen an einem Berliner Stammtisch der 1930er Jahre, der „Sieg Heil!“ rufend die Runde der Trinker begrüßt! Wahrscheinlich hätte der gute Chancen gehabt, auf eine Weiße eingeladen zu werden.
Er spricht aber auch zu einem muslimischen Literaturwissenschaftler, der das gleiche höfliche Lächeln aufbringt wie alle anderen. Um die Situation zu entspannen, lenkt jener das Gespräch lieber auf das Wetter. Der Ausländer bemerkt den kleinen rhetorischen Trick kaum. Er ist überzeugt, dass er gerade wieder eine kulturelle Brücke gebaut hat.
Auf der Bühne weiß unser Indienkenner souverän mit den Spielregeln zu jonglieren. Zunächst begrüßt er den Ehrengast, dann den Hauptehrengast, den besonderen Ehrengast, den Vorsitzenden, den stellvertretenden Vorsitzenden, den Organisator und dessen so fürsorgliche Gattin, deren Kochkünste und Saris einfach unvergleichlich sind. Falls er jemanden vergessen hat, fügt er vorsichtshalber eine gut einstudierte Formel hinzu: „Aur sabhī mahān mahān vyaktiyoṃ ko merā praṇām!“ (Verehrung allen übrigen großen großen Persönlichkeiten!“). Gewiss, nun ist die Vorstellung endgültig ins Karnevaleske übergegangen, doch das macht überhaupt nicht. Ein Ausländer, der weiß, dass eine indische Konferenz zunächst aus der rechten Etikette besteht, ist bereits halb eingebürgert.
Doch noch hat der Mohr seine Schuldigheit noch nicht getan, noch kann er nicht abtreten (frei nach Schiller). Nun kommt die Standarderzählung, nämlich wie er sich vor dreißig Jahren in Indien verliebt habe. In die Menschen, in die Kultur, in die Spiritualität, in die Kühe und besonders in das indische Essen. „Dāl-bhāt is very tasty!“, verkündet er, langsam mehr und mehr ins Englisch hineingleitend. Manchmal sagt er auch demonstrativ „Vasudhaiva kuṭumbakaṃ“ – eine Formel, der absolut keiner widerstehen kann. Dass er den Ausdruck grundsätzlich mit „India is my family“ übersetzt, wird als poetische Freiheit gewürdigt.
Man kann sagen: Ein voller Erfolg für die Veranstalter. Der Mohr ist zuverlässig, verlangt kein kompliziertes Honorar und macht auf Gruppenfotos mit seiner indischen Kleidung eine ausgezeichnete Figur. Neben zehn indischen Würdenträgern wirkt sein helles Gesicht wie ein internationales Gütesiegel. Er trägt selbstverständlich Kurta, vorzugsweise opportunistisch safranfarben, und eine Stola, die ihm bei der Eröffnung feierlich umgehängt wurde. Er nimmt sie während der gesamten Konferenz nicht mehr ab. Schließlich weiß man nie, wann das nächste Foto gemacht wird, und da hat der Schal einen Erkennungswert für Eingeweihte.
In den Pausen wird er von Journalisten umringt. „Sir, what is your message to Indian youth?“ Er antwortet: „Indian youth is very great. Hindi is very ancient language. India is world guru.“ Das genügt für drei Zeitungsberichte und ein Interview auf YouTube. Am nächsten Morgen lautet die Schlagzeile: „Ausländischer Gelehrter erklärt Hindi zur Sprache der Zukunft.“
Mit wirklichen Hindi-Literaturkennern unterhält er sich selten. Das ist auch besser so. Sie könnten auf die Idee kommen, ihn nach einem Roman von Nirmal Verma oder einer Erzählung von Premchand zu fragen. Premchand kennt er natürlich, wenn auch nicht so genau. „Very great writer“, sagt er dann. Und fügt hinzu: „Bahut sundar kahānī“ (sehr schöne Erzählung). Welche, bleibt offen. Ein Hindi-Professor lächelt verständnisvoll. Durchaus respektvoll, nicht eine Spur zynisch. Er hat sicherlich schon schlechtere Antworten von indischen Politikern gehört.
Am letzten Abend erhält unser Gast einen Ehrenpreis für seinen außerordentlichen Beitrag zur weltweiten Verbreitung der Hindi-Sprache. In seiner Dankesrede versichert er, dass Indien nicht nur ein Land, sondern ein Gefühl sei. „India is not a country, India is a way of living!“ Der Applaus bleibt nicht aus, wenn auch etwas matt. Vielleicht war das nun doch wieder mal eine Spur zuviel. Doch das macht nichts. Die Kameras blitzen, Instagramm und co. rotieren und in kürzester Zeit kommt er auf 50.000 klicks. Der Minister überreicht ihm eine überdimensionale Gedenkplakette. Die hat er auch verdient, muss man sagen: Was für ein Auftritt!
Auf dem Rückflug geht dieser Freund Indiens, Hindi-Kenner, Influencer, Kabarettist und Selbstdarsteller zufrieden seine Fotos in der Gallerie seines smart phone durch und wählt routiniert für seine accounts das Passende aus: Für seine Fans, deren Zahl mindestens fünfstellig sein dürfte. In der Tat: Vielleicht hat er Indien tatsächlich besser verstanden als mancher Indologe, der seit vierzig Jahren über das Land forscht.
Disclaimer: Die hier dargestellte Person ist zum Teil frei erfunden
Heinz Werner Wessler






