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Generation Z Moment in Delhi?

Die Proteste im Zentrum von New Delhi halten weiter an. Noch sind sie lange nicht so umfangreich wie die Bauernbewegung 2020/21 oder der Widerstand gegen das neue Staatsbürgerrecht 2019/20. Doch die Regierung unter Premier Narendra Modi und Innenminister Amit Shah sehen sich zu ersten Zugeständnissen gedrängt, was sich als Zeichen zunehmender Nervosität deuten lässt. Sie sind gewarnt: Ähnlich strukturierte Proteste stürzten vor zwei Jahren die Regierung von Bangladesch und im letzten Jahr die Nepals. Nun marschiert die Generation Z auch im Herzen der indischen Hauptstadt, die Proteste breiten sich auf andere Großstädte aus. Ein vorläufiges Ende haben sie seit dem 25. Juli durch den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan selber eingeläutet.

Es ist Modis Strategie, Vorwürfe oder überhaupt die Existenz politischer Gegner öffentlich nicht wahrzunehmen. Seit seinem Amtsantritt 2014 hat er keine einzige klassische Pressekonferenz abgegeben, in welcher er spontan auf vorher nicht abgesprochene Fragen hätte reagieren müssen. Angesichts solcher Tatsachen kann es die Proteste anführende Cockroach Janta Party (Kakerlaken-Volkspartei CJP – siehe SÜDASIEN 2-2026) unbedingt als Erfolg verbuchen, als Modi am 23. Juli die Einrichtung von Schnellgerichten ankündigte. Sie sollen dem Skandal um geleckte Examenstests auf den Grund gehen. Nur wenige Stunden später nahm das erste Gericht die Arbeit auf.

Einen deutlich größeren Erfolg konnten die Student(inn)en am 25. Juli feiern. Bildungsminister Dharmendra Pradhan ist erst der zweite Minister unter Modi, der unter öffentlichem Druck den Rücktritt einreichen musste. Im Fall von M.J. Akbar (Staatsminister) ging es 2018 um Vorwürfe sexueller Nötigung. Bei Pradhan liegen knallharte politische Gründe vor. Seinen Rücktritt fordert die CJP seit Beginn der Proteste Anfang Juni. Sie hält ihn für den Hauptverantwortlichen im Skandal um die Schummeleien bei den verschiedenen Zulassungstests. Pradhan ist zwar kein potenzieller Kandidat für die Zeit nach Modi. Doch er gehört zum inneren Machtzirkel und gilt als „treuer Gefolgsmann“, der das Vertrauen Modis genießt und damit auch dessen Protektion – was im Normalfall Immunität bedeutet.

Nach Pradhans Rücktritt sollen laut CJP Chef Abhijeet Dipke die Proteste nahe Jantar Mantar am Connaught Circle im Zentrum New Delhis für erste ausgesetzt werden. Zwei weitere Bedingungen müssten noch erfüllt werden: 1. eine Entschädigung für Familien, deren Kinder aufgrund der Examensskandale Selbstmord begingen und 2. die Bestrafung jener Polizisten, die am 20. Juli unverhältnismäßig mit Gewalt gegen die Demonstrant(inn)en vorgegangen waren. Bereits erfüllt hat die Unionsregierung die Forderung, keine Ermittlungen wegen eventueller Straftaten einzuleiten, die in der Auseinandersetzung mit Sicherheitsbehörden begangen worden sein könnten. Dies konnte der Aktivist Sonam Wangchuk erwirken, der am 23. Juli nach 26 Tagen seinen Hungerstreik beendete, nachdem Gesundheitsminister J.P. Nadda, ein weiterer Modi-Intimus und Parteivorsitzender der BJP, ein entsprechendes Dokument in Wangchuks Gegenwart unterzeichnete.

Sonam Wangchuk (siehe auch unten stehende Nachricht vom 16. Juli und SÜDASIEN 2-2026) spielt aus mehreren Gründen eine tragende Rolle in den anhaltenden Protesten. Begonnen hat er seine Laufbahn im Bildungssektor in der damaligen Randregion Ladakh im Himalaya. Geboren wurde er 1966 in eine politisch einflussreiche Familie und war extrem privilegiert. Er konnte in der Provinzhauptstadt Srinagar in Kaschmir studieren, weil sein Vater dort als Minister postiert wurde. Bewusst blieb ihm, dass es für mehr als 80 Prozent aller Familien, nicht nur in Ladakh, sondern ganz Indien, einen einzigen Weg gibt aus der materiellen Not – aus bitterer Armut, Erniedrigung, Ausbeutung und Entrechtung: die akademische Karriere der Kinder. In sie investieren viele Familien buchstäblich alles, was sie besitzen. Das verleiht Bildungsfragen in Indien (und auch sonst in Südasien) eine Härte, deren man sich in Deutschland und Europa nicht bewusst ist. Deshalb bewirken die Betrügereien im NEET Test (National Eligibility cum Entrance Test) und die Fehler bei CBSE-Prüfungen (Central Board of Secondary Education) solchen Aufruhr. Die CBSE ist eine nationale Bildungsbehörde für öffentliche und private Schulen, die von der Unionsregierung kontrolliert und verwaltet wird. Der Skandal verursachte den Tod von mehr als einem Dutzend junger Menschen, die sich aus Scham oder Furcht, ihre Eltern enttäuscht zu haben, das Leben genommen hatten.

Wangchuk dementierte zwar von Beginn an, doch es gibt gute Gründe zur Annahme, er sei das Vorbild für den Filmcharakter Phunsukh Wangdu im Bollywood Kultfilm 3 idiots. Dieser Film hat die ganze Ungerechtigkeit und Grausamkeit des indischen (südasiatischen) Bildungswesens mit seinen grotesken und absurden Zügen zum Inhalt. Im Nachhinein kann man 3 idiots als die Initialzündung der CJP und der jetzigen Protestbewegung im Herzen Delhis sehen.

M.S.

Bild

„Students from All Over India protesting against 2026 NEET UG paper leak place Jantar Mantar on 20 July 2026 ahead of Parliament March“ © Sumita Roy Dutta @Wikimedia Commons

Texthinweise

https://en.wikipedia.org/wiki/3_Idiots

https://en.wikipedia.org/wiki/2026_CBSE_On-Screen_Marking_controversy

https://en.wikipedia.org/wiki/2026_NEET_controversy

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