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Gerrymandering in Ladakh zur Benachteiligung der Muslime?

Premierminister Narendra Modi und die BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) wird regelmäßig vorgeworfen, verdeckt und zum Teil ganz offen Politik zu Lasten ethnisch-religiöser Minderheiten im Allgemeinen und Muslim(inn)en im Besonderen zu betreiben. Die administrative Neuordnung des Union Territory (UT) Ladakh, eigentlich ein unverfänglicher Verwaltungsakt, gibt erneut Anlass, ihn einer diskriminierenden Agenda gegen Muslime zu verdächtigen.

Am 27. April 2026 wurden unter der Federführung von Amit Shah, Innenminister und wichtigster Mann Modis, die beiden Distrikte Ladakhs aufgeteilt. Aus Leh, buddhistisch, wurden vier Distrikte, aus Kargil, muslimisch, drei – wobei dazu Zanskar gehört, das wiederum buddhistisch ist. Die Muslime, in Ladakh in der Mehrheit und bisher „im Besitz“ eines von zwei Distrikten, müssen sich nun also mit zwei von sieben abfinden. Das verstößt gegen die interne Regierungsleitlinie, die Bevölkerung betreffend möglichst gleich große Nachfolgedistrikte zu schaffen. Und gibt dem Vorgang eine politische Dimension, die kaum Zufall sein kann. Stattdessen erinnert es dem in den USA bekannten gerrymandering. Und der Verdacht drängt sich auf, dass damit die vor zwei Jahren geschlossene politische Allianz von Buddhist(inn)en und Muslim(inn)en unterminiert werden soll.

Ladakh, bis 2019 Teil des krisengeschüttelten Bundesstaats Jammu & Kashmir(J&K), ist eine dünnbesiedelte, strategisch sensible Gebirgsregion im äußersten Nordwesten, die an Pakistan und China grenzt. Die Bevölkerung hielt sich lange zwischen Muslim(inn)en und Buddhist(inn)en ungefähr die Waage. Seit dem letzten Zensus (2011) aber sind Muslime im westlichen Teil mit 46 Prozent zahlreicher als Buddhisten mit 40 Prozent im östlichen Teil (der Rest sind Zuwanderer). Tendenziell legt die Anzahl der Muslime und Musliminnen stärker zu. Bis Mitte der 1980er Jahre hatten solche Fragen kaum Bedeutung. Der Regierung in Srinagar war Ladakh praktisch gleichgültig, weil die wenigen Bewohner/-innen bei Wahlen kaum ins Gewicht fielen. Für Delhi zählten nur strategisch-militärische Gesichtspunkte. Der verlorene Krieg gegen China 1962 führte zu einer oft als bedrückend empfundenen Militärpräsenz, die dem Landstrich bis heute den Eindruck einer besetzten Zone verleiht. Erst 1979 erfolgte innerhalb von J&K die Einteilung Ladakhs in zwei Distrikte: Leh (buddhistisch) und Kargil (muslimisch). Wobei es nie „reine“ Siedlungsgebiete gegeben hat. Zu beiden Distrikten gehörten Landstriche der anderen Religion – vor allem das buddhistische Zanskar zu Kargil und das zum Großteil muslimische Nubra zu Ladakh. Noch komplexer wird es durch die Arghon in Leh, ortsansässige Muslim(inn)en, die im Gegensatz zu ihren Glaubensgenoss(inn)en in Kargil Ladakhi statt Balti sprechen und Sunniten statt Schiiten sind.

Mit Zunahme der Mobilität, Medien und Bildung erwachte das Bewusstsein für Politik und Identität. In Leh orientierte man sich zunehmend an der tibetischen Exilregierung unter dem Dalai Lama, in Kargil gab es Impulse durch die schiitische Revolution im Iran. Und es kam wie so oft – nicht nur in Indien – zum communal conflict. Die Aggression ging von Buddhisten und Muslimen aus. Erschwerend kam der gleichzeitig losbrechende Aufstand in J&K hinzu, den die buddhistischen Ladakhis nicht unbegründet als schwere Bedrohung sahen. Wobei die angestammten Muslime Ladakhs mit dem Anliegen der Kaschmiri kaum sympathisierten, zu groß sind die kulturellen und konfessionellen Unterschiede.

Besonders in Leh war der Jubel groß als im August 2019 Ladakh von J&K abgetrennt und als Union Territory Delhi direkt unterstellt wurde. Allerdings ging dies mit einer zumindest zum Teil beabsichtigen Bevormundung einher. Vorher war man nur gering politisch repräsentiert und Srinagar untergeordnet. Nun wurde man zur gleichen Bedingung von einem noch mächtigeren Bürokraten aus dem noch weiter entfernten Delhi regiert. Modi und die BJP verloren schnell in ganz Ladakh ihren Kredit. Es schlug die Stunde von Sonam Wangchuk, der bisher als Pädagoge und Umweltaktivist bekannt war. Er forderte für alle Ladakhis die Minderheitenrechte unter dem 6th schedule (sechster Verfassungszusatz) und die Erhebung des UT zum Bundesstaat. Zum ersten Mal in Jahrzehnten sprach jemand alle Ladakhis an, Buddhisten und Muslime. Am 24. September 2025 kam es zu gewalttätigen Demonstrationen mit Toten, nie zuvor war die Zentralmacht so herausgefordert worden. Wangchuck ist nach einem halben Jahr auf freiem Fuß. Ob er die Einheit der Ladakhis bewahren kann, wird man im Sommer sehen. Es regt sich jedoch der Verdacht, dass die Zentralregierung mit ihrem parteiischen Kalkül das verhindern will (siehe auch SÜDASIEN Heft 2-2026).

M.S.

 

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