Trumps Iran-Fiasko auf Südasien gewendet
Seit dem Zweiten Weltkrieg sind zielführende Kriege eher Ausnahme als die Regel. Gerade auch die mächtig(s)ten Länder schaffen selten mehr als erfolgreiche Kommandoaktionen und Drohnen-Kampagnen. Klare Resultate wie 1945 können dagegen schwächere Länder vorweisen, wie 1975 Vietnam und 1989 die afghanischen Mujahideen (wenn auch nur einen Pyrhussieg). Donald Trump tut sich aktuell beim zweiten Feldzug gegen Iran in zwei Jahren sehr schwer. Dabei steht ihm die weltweit mit Abstand größte Militärmaschinerie zu Verfügung. Mit ihm kämpft Israel, welches den besten Geheimdienst und die effektivsten Cyber-Krieger besitzt. Und als ob das nicht genug wäre, gehören auch die steinreichen Scheichs der Arabischen Halbinsel zu seinen Alliierten. Es hilft alles nichts, das Regime in Iran zeigt keine Schwäche und der Aufstand gegen die Mullahs wird wohl ausbleiben. Insoweit haben die USA (und Israel und die Scheichs) kein Ziel erreicht, im Gegenteil. Was aber bedeutet es für Pakistan und Indien, wenn man mit vielfach überlegenen Mitteln die kriegerischen und damit die politischen Ziele verfehlt? Ist Krieg – über das Level von Grenzscharmützeln und Raketenduellen hinaus – noch eine außenpolitische Option?
Im Falle Pakistans muss immer wieder betont werden, dass die Armee primär ein innenpolitischer Faktor ist und erst danach der Verteidigung dient. Es gibt natürlich die Kaschmir-Frage und genauso die Unklarheiten bezüglich der Grenze mit Afghanistan. Ihre dominante Rolle erarbeiteten sich die Generäle jedoch nicht deswegen. Sie sind auch nicht Werkzeug zum Gewinn der Macht – sie sind der mit Abstand wichtigste Machtfaktor im Land. Das kommt hauptsächlich daher, dass die Muslim League, mit der Gründervater Jinnah sein „Land der Reinen“ erstritt, im Gegensatz zur indischen Congress Party keine Massenbewegung und in der Bevölkerung kaum verwurzelt war. Als Jinnah nach etwas mehr als einem Jahr nach der Gründung starb, ruinierten interne Konflikte in wenigen Jahren seine Partei.
Die Armee als einzige funktionierende Institution stieß zwangsläufig in das Machtvakuum vor. Als mit dem Bangladesch-Krieg 1971 die Two Nation Theory, Jinnahs Rechtfertigung für Pakistan widerlegt wurde, waren es nach dem Krieg der diskreditierte, aber demokratisch gewählte Zulfiqar Bhutto und dann die Armee unter General Zia-ul Haq, die das Ideologie-Vakuum mit einer Islamisierung füllten. Heute ist die Armee nicht nur der größte Machtfaktor, sondern auch der größte Player in der Wirtschaft, als Landbesitzer sowie allgegenwärtig. Wie der alte Witz es sagt: Pakistan leistet sich keine Armee, sondern die Armee leistet sich ein Land.
Aber: Trotz massivem Abzug von Ressourcen, dem Auspressen der Bevölkerung, kann die Armee nicht im Ernst eine Invasion Afghanistans in Erwägung ziehen. Dieses Land, das Sowjets und die NATO in die Flucht geschlagen hat, wäre mit Sicherheit der Untergang. Drohungen sind Gerede. Man hat die Lufthoheit, doch die allein führt zu nichts. Noch aussichtsloser ist der Gedanke an eine Invasion Indiens; allein nur den indischen Teil Kaschmirs militärisch zu erobern pure Illusion. Doch zeigt sich seit 20 Jahren der Nutzen der Armee im Innern: Die Unterdrückung der Paschtunen und Balochen erfordert keine Polizei, sondern Soldaten. Das ist Krieg.
Dass Pakistan militärisch wenig gegen Indien erreichen kann, bedeutet nicht, dass der umgekehrte Fall mehr Erfolg hätte. Das in allem unterlegene Pakistan hat noch immer die fünftgrößte Bevölkerung der Erde, die größte muslimische Armee und die A-Bombe. Eine Invasion im Westen käme nicht weit. Es gibt unbedeutende Artillerieduelle entlang der Waffenstillstandslinie und Drohnen-, Raketen-und Düsenjägergeplänkel. Noch weniger militärische Optionen gibt es in Bezug auf den größten Widersacher, China. Man darf sich wundern, warum auf indischer Seite der Himalaya so militarisiert ist. Wer benötigt im Zeitalter von Cyber-Instrumenten und Drohnen noch Panzer – in solch einem Terrain? Außer nationalem Prestige steht auf indischer Seite nichts auf dem Spiel, die Zeiten, in denen der Himalaya eine strategische Bedeutung hatte, sind seit diesem Jahrhundert vorbei.
Könnte Indien die Beziehungen zu China normalisieren, die Dividende wäre gigantisch. Im Ernst glaubt niemand, dass Beijing den geheimen Wunsch hegt, mehr als ein paar abgelegene Täler zu beanspruchen. Wie man Indien unterjocht, haben die Briten gezeigt – in erster Linie kauft man sich eine Elite und bekämpft sie erst in zweiter Linie militärisch. Vielleicht hat China diesen Plan. Doch deswegen müssen nicht die lebensfeindlichen Gebirgszüge in Ladakh oder Arunanchal Pradesh im Winter gesichert werden. Vor militärischen Maßnahmen muss sich Indien nicht fürchten. Jeder Invasor würde sich verschlucken, so wie Napoleon und Hitler vor Moskau.
M.S.






