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Grüne Kraft aus Indien: Nila Vikhe Patil im schwedischen Reichstag

Auch in Schweden wurde das Volk im September an die Urnen gerufen. Und siehe: Am 13. September 2026 wurde die 1985 geborene Politikerin der Grünen (Miljöpartiet de gröna) Nila Vikhe Patil  für den Wahlkreis Stockholm in den 349 Mitglieder umfassenden Riksdag gewählt.

In Indien hat ihre Wahl besondere Aufmerksamkeit gefunden – und das hat viel mit ihrem Familiennamen zu tun. Vikhe Patil entstammt einer der bekannten politischen und gesellschaftlichen Familien Maharashtras. Ihr Vater, der Gesundheitsökonom und Bildungsunternehmer Ashok Vikhe Patil, ist Vorsitzender der Dr. Vikhe Patil Foundation, die zahlreiche Bildungseinrichtungen in Maharashtra betreibt. Großvater Balasaheb Vikhe Patil (1932–2016) war ein langjähriger Kongresspolitiker und mehrfacher Lok-Sabha-Abgeordneter, wechselte Ende der 1990er Jahre jedoch vorübergehend zur Shiv Sena und gehörte als Minister der von der BJP geführten Regierung Atal Bihari Vajpayees an, bevor er zum Congress zurückkehrte. Ihr Onkel Radhakrishna Vikhe Patil war zunächst in der Kongresspartei aktiv, wechselte aber 2019 zur BJP und ist heute Minister für Wasserressourcen in der Regierung des Bundesstaates Maharashtra. Noch eine Generation weiter zurück führt die Familiengeschichte zu Vithalrao Vikhe Patil, einem Pionier der indischen Genossenschaftsbewegung, dessen Name insbesondere mit dem Aufbau der genossenschaftlichen Zuckerindustrie in Maharashtra verbunden ist. Die Familie steht damit seit mehreren Generationen an der Schnittstelle von Landwirtschaft, Genossenschaftswesen, Bildung und Politik.

Bei der Darstellung von Nila Vikhe Patils Kindheit fällt allerdings ein interessanter Unterschied zwischen schwedischen und indischen Quellen auf. In der Wahlvorstellung des schwedischen Fernsehens SVT beantwortet sie die Frage nach ihrer Herkunft eindeutig mit den Worten, sie sei in Lidköping geboren und in Tidaholm aufgewachsen. Mehrere indische Medien – darunter Indian Express, India Today und Times of India – schreiben dagegen, sie sei zwar in Schweden geboren, habe aber ihre frühen Jahre beziehungsweise einen Teil ihrer Kindheit in Ahmednagar im Bundesstaat Maharashtra verbracht, dem heutigen Ahilyanagar. Marathi-Medien formulieren teilweise noch deutlicher, ihre Kindheit beziehungsweise ihre erste Schulzeit habe dort stattgefunden. Das muss kein wirklicher Widerspruch sein: Offenbar hat Vikhe Patil während ihrer Kindheit in der Tat längere Zeit in beiden Ländern gelebt. Bemerkenswert ist vielmehr die unterschiedliche Perspektive. Während die schwedische Selbstdarstellung ihre Verwurzelung in Schweden hervorhebt, rückt die indische Berichterstattung verständlicherweise ihre biographischen und familiären Verbindungen nach Maharashtra in den Vordergrund.

Politisch ist Nila Vikhe Patil allerdings keineswegs eine Newcomerin, die erst durch ihre Wahl ins Rampenlicht gelangt wäre. Nach eigener Angabe erhielt sie bereits mit 19 Jahren ihr erstes politisches Mandat und ist seit rund zwei Jahrzehnten in der grünen Politik aktiv. Sie engagierte sich unter anderem bei den jungen Grünen und den grünen Studierenden, war in Göteborg und Stockholm parteipolitisch tätig und sammelte kommunalpolitische Erfahrung in Stockholm. Bereits 2018 wurde sie als Ersatzmitglied der grünen Fraktion in den Stockholmer Stadtrat gewählt. Später arbeitete sie während der Regierungszeit des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven als politische Beraterin im schwedischen Regierungsapparat, unter anderem zu Wirtschafts-, Steuer- und Wohnungsfragen.

Auch ihr beruflicher Hintergrund ist für eine grüne Politikerin nicht ganz alltäglich. Vikhe Patil studierte Wirtschaft und Recht in Göteborg und studierte zeitweise auch an der Universidad Complutense in Madrid. Seit 2020 arbeitete sie bei PwC; 2025 wurde sie als Wirtschaftsprüferin (auktoriserad revisor) zugelassen. Vor der Reichstagswahl erklärte sie, diese Zulassung im Falle ihrer Wahl ruhen zu lassen, um die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüferberufs nicht mit einem hauptberuflichen politischen Mandat zu vermischen. Ihr Profil verbindet damit grüne Politik mit einer ausgesprochen wirtschafts- und finanzpolitischen Fachkompetenz.

Inhaltlich setzt Vikhe Patil Schwerpunkte bei Klima und biologischer Vielfalt, sozialer Ungleichheit und den Zukunftschancen von Kindern. Als politische Vorbilder nennt sie zwei Persönlichkeiten, die zugleich auf ihre internationale Orientierung verweisen: Mahatma Gandhi und Nelson Mandela.

Nila Vikhe Patil ist in Schweden geboren, seit ihrer Jugend in der schwedischen Politik engagiert und hat ihre politische Laufbahn innerhalb schwedischer Institutionen aufgebaut. 2016 gelang ihr der Sprung in die nationale Regierungspolitik: Sie wurde politische Referentin in der Statsrådsberedningen, dem Amt des damaligen Staatsministers („Kanzler“) Stefan Löfven, und beschäftigte sich dort unter anderem mit Steuer-, Gleichstellungs- und Entwicklungsfragen.

Die Jahre in Maharashtra und die Herkunft aus einer Familie, in der öffentliches Engagement über mehrere Generationen hinweg eine große Rolle spielt, gehören ebenfalls zu ihrer Biographie. Auch religiös-kulturell fühlt sich Vikhe Patil mit Indien verbunden. In einem Porträt von 2019 tritt sie im Sari auf, bezeichnete sie sich als religiös und sprach unter anderem über ihr Interesse an der indischen Küche und hinduistischer Mythologie. In einem am 21.9. veröffentlichenten Artikel im indischen Outlook betont sie in gleichem Sinn, sie fühle sich „connected“ in Indien. Als „Hindu“ im engeren konfessionellen Sinne scheint sie sich öffentlich allerdings nicht ausdrücklich zu bezeichnen.

Von der genossenschaftlich geprägten Agrarpolitik Maharashtras bis zur grünen Klima- und Sozialpolitik Stockholms reicht ein ungewöhnlicher biographischer Bogen. Nila Vikhe Patil steht dabei nicht einfach „zwischen zwei Welten“. Ihre Biographie wirft ein Schlaglicht auf eine erfolgreiche Einwandererkarriere – müßig die Frage, ob man sie eher als indischstämmige Politikerin in Schweden oder als schwedische Politikerin indischer Herkunft betrachten soll.

Heinz Werner Wessler

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