Die Zensur des Films Satluj zeigt erneut, wie schwer sich die indische Demokratie mit der Aufarbeitung ihrer inneren Konflikte tut. Und es gab seit Unabhängigkeit eine ganze Serie von Bürgerkriegen, über deren zivile Opfer das Tuch des Schweigens gelegt wurde.
Satluj erzählt eine wahre Episode aus dem Bürgerkrieg im Punjab. Religiös motivierte, radikale Sikhs kämpften zwischen 1978 und 1995 für einen eigenen Gottesstaats namens Khalistan. Unvergessen ist selbst in Europa Operation Bluestar 1984 – die Räumung des von Militanten besetzten Goldenen Tempels in Amritsar, dem Hauptheiligtum der Sikhs, durch die Armee. Allein dabei gab es tausende Tote. Fünf Monate später wurde Premierministerin Indira Gandhi von zwei ihrer Leibwächter, wiederum Sikhs, erschossen. Dies führte in Nordwestindien und besonders in Delhi zu einem Pogrom gegen Sikhs mit einer vermutlich fünfstelligen Zahl von Toten. Ein weiteres Verbrechen, für das die Drahtzieher, vermutlich unter anderem ihr Sohn Rajiv, später ebenfalls Premierminister, nie zur Rechenschaft gezogen wurden und dessen Details nie ganz ans Licht kommen werden.
Der Film handelt von Jaswant Singh Khalra, einem Bürgerrechtler, der Tausende illegaler Hinrichtungen aufdeckte. Unter anderem die von 2000 Polizisten(!), die sich weigerten, daran teilzunehmen und deshalb von ihren eigenen Kollegen getötet wurden. Im Herbst 1995 wurde Khalra vor seinem Haus entführt und tauchte nie wieder auf. Ausnahmsweise wurden in seinem Fall, vielleicht weil er großes Aufsehen erregte, vier Angehörige der Punjab Police verurteilt.
Extra Zündstoff birgt die Affäre, weil wohl auch K.P.S. Gill in sie verwickelt war. Gill, ebenfalls Sikh, ist ein Nationalheld wegen seines Verdiensts, als Inspector General (Chef) der Punjab Police den Aufstand beendet zu haben. Man will sich nicht vorstellen wie. Wiederum wird im Film kaum deutlich, dass Khalra kein neutraler Aufklärer war, sondern auf der Seite der Verfechter Khalistans stand. Gräueltaten an der Zivilbevölkerung wurden auch von ihnen begangen. Nur wurden ihre Verbrechen von der Punjab Police meist umgehend „gesühnt“ – ohne lange Gerichtsverfahren und unter Inkaufnahme einer hoher Anzahl von Unschuldigen.
Gespielt wird Khalra von Diljit Dosanjh, einem der aktuell beliebtesten Sänger, Schauspieler und Filmproduzenten Indiens. Auch er ist Sikh und stammt aus Punjab. Das Anliegen des Films, die staatlichen Verbrechen während des Bürgerkrieges aufzuklären, waren ihm so wichtig, dass er ohne Gage arbeitete. Fertiggestellt wurde Satluj schon 2022 und sollte zuerst unter dem Titel Ghallughara in die Kinos kommen. Der Ausdruck bedeutet „Massaker“ auf Punjabi und ist ein wichtiges identitätsstiftendes Konzept der Sikhs, die sich als verfolgte, bedrohte Minderheit sehen, die fest zusammenhalten muss.
Historisch sind damit die Konflikte mit den Muslimen zur Zeit der Mughals gemeint (mancher zählt die Delhi riots von 1984 auch dazu). Die Aufsichtsbehörde fand den Titel zu provokant und verlangte außer dieser Änderung noch 21 Szenenschnitte. Im Frühjahr 2023 sollte der Film als „Punjab ’95“ ungekürzt auf dem Toronto International-Filmfestival gezeigt werden, wurde aber in letzter Minute zurückgezogen. Am 3. Juli 2026 lief er endlich auf der indischen Videostreaming Plattform ZEE5, wurde jedoch nach zwei Tagen gelöscht. Weder der Anbieter noch eine staatliche Stelle gaben eine Begründung ab. Erreichte wurde damit, wie so oft, das Gegenteil. Das lange Hin und Her und vor allem Dosanjhs Mitwirken beflügelten das Interesse. Satluj wurde mehr als fünf Millionen Mal heruntergeladen und verbreitet sich über Tauschbörsen.
Vermutlich wird sich auch Dosanjh wundern, dass die Zensur des Films mehr Empörung erzeugt als die gezeigten Gräueltaten. Diese sind bis heute nicht letztlich geklärt und bleiben tabu. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, ein Elefant im Wohnzimmer, dass die Niederschlagung des Bürgerkriegs in Punjab zu den dunkelsten Kapiteln seit der Unabhängigkeit gehört. Eine Demokratie sollte anders reagieren. Denn die Mehrheit der Bevölkerung blieb staatstreu. Dessen Vorgehen hielt auch sie für alternativlos, es war eben ein „Schmutziger Krieg“. Der Staat erlangte weitere Legitimität, indem er nach dem Bluestar-Fiasko die Verantwortung „seinen“ Sikhs unter K.P.S. Gill übertrug. Es wurde eine innere Angelegenheit. Und die Mehrheit wollte kein Khalistan.
Doch manchmal zuckt es noch. Vielleicht zügelt auch das die Empörung über das frühere Grauen … die Furcht vor einem Neubeginn. Der Staat ist äußerst aufmerksam. Im Inland toleriert er „moderate“ Khalistanis wie den Abgeordneten Amritpal Singh. Die Fanatiker sitzen aber wie so oft im Ausland, im Fall der Sikhs in Kanada. Der Khalistan Aktivist Hardeep Singh Nijjar wurde 2023 nahe Vancouver vom indischen Geheimdienst erschossen. Die Methoden von K.P.S. Gill, es gibt sie noch.
M.S.
Bild
Die Aufbahrung von Indira Gandhi im Teen Murti House im Rahmen der staatlichen Trauerfeierlichkeiten vor ihrer Einäscherung.
“Indira Gandhi lies in state at Teen Murti House in New Delhi” © Jim Bourdier @wikimedia commons
Texthinweise
https://en.wikipedia.org/wiki/Amritpal_Singh
https://en.wikipedia.org/wiki/Kanwar_Pal_Singh_Gill (K.P.S.Gill)
https://www.bbc.com/news/articles/cly99z1w4gdo
https://en.wikipedia.org/wiki/Insurgency_in_Punjab,_India
https://en.wikipedia.org/wiki/Satluj_(film)
https://en.wikipedia.org/wiki/Jaswant_Singh_Khalra






